Claudio Ghin, Autor

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Claudio Ghin, Eisliebhaber; Foto: privat

 

„Hallo, Tschüss!“

An einem der letzten Sommertage treffe ich Claudio Ghin. Ein wenig skeptisch lächelnd winkt mir der schlanke Mann mit dem grauen Hoodie zu, während ich auf das Van Dooren zusteuere. Seine Facebook-Postings, die oft mit „Hallo, Tschüss“ anfangen und seine feinen, stimmungsgebenden (und -hebenden!) Worte für die Pressetexte von Greta und Claus haben mich neugierig gemacht. Wir setzen uns direkt vor die Kaffeemaschine und Claudio sagt: „Ich hab dir was mitgebracht.“ Er überreicht mir „Auf einem Auge Herbst“, sein Erstlingswerk, das in diesem Jahr erschienen ist. Eigentlich schon beeindruckend genug, in Kurzgeschichten mit den richtigen Worten um sich werfen zu können. Der 33-Jährige arbeitet außerdem als Werbetexter bei Team WFP. 2013 zog er wegen des Jobs in die Stadt. Dass er aus Paderborn nach Mönchengladbach gekommen ist, hört sich aufgrund seiner Familiengeschichte fast schon schicksalhaft an. Claudios Vater kam als italienischer Gastarbeiter nach Rheydt, um dort in einer Kabelfabrik zu arbeiten. Außerdem trug er das Fohlenecho aus. Dabei lernte er Claudios Mutter kennen, wie der Autor erzählt: „Der Legende nach war mein Vater verlobt und alle haben ihm gratuliert, nur meine Mutter nicht. Sie ist zu ihm hingegangen und hat gesagt, was ihm einfallen würde, sich zu verloben. Dann hat er sich entlobt und sie sind zusammengekommen.“

„Bestimmt aus Chemnitz“

Genauso hartnäckig wie seine Mutter an seinem Vater hielt Claudio am Texten fest. Mit elf Jahren verfasst er die ersten Märchen, in seiner „Sturm und Drang-Phase“ Gedichte. Als er mit 23 Jahren ein Buch seines Lieblingsautors Selim Özdogan geschenkt bekommt, beginnt er, sich seinem Vorbild entsprechend in Kurzgeschichten auszudrücken. Doch zunächst zu den Anfängen: Während seiner Jugend lebt Claudio mit seinen Eltern und seinen Geschwistern im Sauerland. Dort stößt sein kreatives Talent nicht ausschließlich auf Zuspruch: „Als die Nachbarn mich das erste Mal vor der Pizzeria meines Vaters haben kehren sehen, haben sie zu ihm gesagt: ‚Den schickste aber besser auf die Uni. Nicht mal kehren kann der.’“ Wir lachen und es ist spürbar, dass es nicht immer so witzig war, wie der Autor es jetzt erzählt. Aber Claudios Augen blitzen und man glaubt ihm sofort, wenn er sagt: „Der Anspruch ist immer der gewesen, die Leute zu unterhalten. Das hatte ich schon als kleiner Junge. Ich fand es gut, wenn alle gelacht haben.“ Und gelacht wird reichlich. Der 33-Jährige nimmt sich im einen Moment auf die Schippe („Man könnte auch denken, der heißt Claudio, der ist bestimmt aus Chemnitz“) und erzählt im nächsten Moment von den komplexesten Schreibvorgängen.

„Durch den Dreck an die Luft“

Vom sauerländischen Dorf geht es für ihn nach Paderborn. Zehn Jahre lebt und studiert er dort, lernt die Szene und seinen heutigen Verleger kennen. In einer kleinen Werbeagentur, „einem Büdchen“, bekommt Claudio während seines Studiums der Germanistik und der Kulturwissenschaftlichen Anthropologie ein Praktikum. Die Kollegen animieren ihn schließlich, auch Texte für Poetry Slams zu schreiben. Acht Jahre tritt Ghin als Slammer auf, allerdings schwanken die Abende von großartig zu so la la: „Du wusstest nie, was passiert. Und wenn du drei Stunden unterwegs bist und es dann verkackst, dann denkst du dir, das lohnt sich doch nicht. In dieser sehr kurzen Zeit muss es ja auch immer performativ sein. Wobei ich eigentlich sehr gerne lese. Und ich mag lieber Sachen, die nicht so performativ sind. Wolfgang Herrndorf. Wo du dich in den Text reinkuschelst und gut fühlst.“ Das Texten selbst muss Claudio sich erarbeiten. Als er 2005 den ersten Slam-Text in der Agentur vorträgt, ist die Reaktion unangenehm: „Ich lese den Text vor. Und allen fällt alles aus dem Gesicht und sie wissen nicht, wie sie mir sagen sollen – das ist die letzte Scheiße.“ Nach und nach analysiert Claudio, was funktioniert – und was nicht funktioniert. Aufgeben ist für ihn zu keinem Zeitpunkt eine Option: „Irgendwas in mir war davon überzeugt, dass das alles noch irgendwie wird. Und ich hatte auch keinen besseren Plan“, sagt er grinsend. Auch als er sich auf jetzt.de anmeldet und seine „Befindlichkeiten“ teilt, muss er zunächst „digitale Dresche“ einstecken. Gelohnt hat es sich allemal. Von jetzt.de wechselt er zu neon.de, „weil mir das zu elitär-süddeutsch war“, und macht sich als Mister Gambit einen Namen. Er sagt: „Natürlich gibt es Naturtalente und diejenigen, die ganz stumpf kopieren, was andere machen. Die übersteigen dieses Niveau dann auch nie. Aber bei mir war es durch den Dreck an die Luft. Da musste man halt erst in die Knie gehen und sich die ganze Scheiße drauf schaffen. Das war beim Werbetexten so wie beim Prosa-Schreiben.“

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Posieren am Schillerplatz

„Ein ganz normales Alltagsproblem“

Seine Kurzgeschichten der letzten sechs Jahre sind nun in Buchform erschienen und haben einen thematischen Anker: „Wenn es darum geht, ob Menschen zusammen sind und glücklich, das packt mich immer. Ich habe mich im Kindergarten das erste Mal für ein Mädchen interessiert. Und das Thema ist mir auch nie langweilig geworden. Das war irgendwie wie ein Motor.“ Was im Krimi das Verbrechen, ist bei Ghins Kurzgeschichten das Zwischenmenschliche. Mal abstrus, mal klassisch. Busfahrten können genauso der Aufhänger einer Geschichte sein wie die Meerjungfrauen-Vergangenheit einer Angebeteten: „Da ist dann mein Anspruch, es so zu erzählen, dass es nicht süß ist, sondern ein ganz normales Alltagsproblem. Ich glaube, das funktioniert nämlich nicht, wenn man noch zwei Tüten Zucker drüber kippt.“ Genauso strategisch wie in seinen prosaischen Texten geht der Autor in seinem Job vor. Während seine Eltern davon überzeugt waren, Claudio würde in der Werbebranche sein Talent verschwenden und ihm vehement zur Lehrer-Karriere rieten („Meine Mutter hat immer gesagt, da hast du jeden Tag zwanzig Mark unterm Kissen, wenn du aufwachst“), sieht der Werbetexter das inzwischen anders: „Ich glaube, dass es gar nicht so leicht ist, Werbetexter zu ein und dass man auch ziemlich klug dafür sein muss.“

„Slogans aus der H&M-Kabine“

Bewegung und Hirnauslüftung sind für Claudio probate Mittel zur Ideenfindung: „Ich denke viel nach. Das macht es mir manchmal schwer, meinen Kollegen von der Pixelfront klarzumachen, dass ich auch gerade arbeite. Weil ich immer durch die Gegend laufe. Ich muss mich bewegen zum Denken. Nur denke ich von morgens bis abends. Für mich ist das ein echter Vollzeitjob. Ich lebe das. Man kann generell nicht sagen, jetzt ist Feierabend. Ich habe auch schon mal irgendwelche Slogans aus der H&M-Kabine an meinen Chef geschickt, wenn mir noch was eingefallen ist.“ Abschalten kann Claudio beim Duschen oder Busfahren. Außerdem dreht er jeden Abend eine Runde durch den Bunten Garten. Auf Facebook praktiziert er „Sprachgeballer“ und veröffentlicht kleine Comics. Ansonsten arbeitet er langsam an neuen Kurzgeschichten. In den letzten anderthalb Jahren ist allerdings nichts Neues entstanden, was Claudio als „ziemliche Bremse“ empfindet. Auf die Gründe angesprochen, nennt er „die Angst, sich zu wiederholen.“ Und fügt hinzu: „Wobei es ja eigentlich Schwachsinn ist. Dann wiederholt man sich halt. Nick Hornby wiederholt sich seit acht Büchern. Und trotzdem lese ich sie alle gerne.“ Selbstkritisch sagt der Mann mit dem tätowierten Fuchs auf dem Unterarm: „Das Problem ist, dass ich zwischendurch zu streng mit mir selber bin. Mir fehlt vielleicht ein bisschen die Lockerheit, was das Schreiben angeht.“ Liest man den Claus-Text, ist man frohen Mutes, dass die Lockerheit sehr bald auch wieder in die Kurzgeschichtengebilde des Autors einziehen. In diesem Sinne, auf bald, Wortfuchs Claudio Ghin. Hallo, Tschüss!

Das sehr empfehlenswerte „Auf einem Auge Herbst“ ist im Lektora-Verlag erschienen. 

Am 25.11. liest Claudio im Viersener käffchen am Steinkreis aus seinem Buch. 

Kurzinterview: Christian Kaufmann, Bergspurt

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Der Berg ruft! Foto: Christian Kaufmann

Wenn Christian Kaufmann nicht gerade  mit seinem IT-Job beschäftigt ist, oder für sein Gladbacher Klamottenlabel Bergkönig hübsche Hoodies, Mützen oder sonstige Streetwear entwirft, organisiert der 37-Jährige den Bergspurt. Dieser findet am 18. September bereits zum dritten Mal statt. Im Kurzinterview verriet er mir, wie es zu dem Radrennen kam und wie das Rennen abläuft.

Christian, wie kamst du auf die Idee, ein Radrennen in Gladbach zu organisieren?

Nachdem wir vor einigen Jahren bei einem sehr coolen und freakigen Mountainbikerennen in der Pfalz waren, haben wir uns gedacht: So was Ähnliches müssen wir auch bei uns in good old MG-Action-Town aufziehen. Wir haben angefangen, ein Konzept zu schreiben und waren auf der Suche nach der perfekten Location. Da der Monte Clamotte, ein ehemaliger Schuttberg, die höchste Erhebung in MG ist, bot sich dieser natürlich an.

Wie ging es dann weiter?

Es folgte Kontaktaufnahme mit der Stadt, Konzeptvorstellung, etc. Wir waren wirklich positiv überrascht, dass die Stadt uns keine Steine in den Weg gelegt hat und die Sache toll fand.

Was ist das Besondere am Rennen?

Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass es ein Independent und Fun-Rennen ist. Es gibt einige Fahrer, die nach drei Runden erst mal eine Pause machen und ein Bier trinken. Also alles sehr entspannt.

Wie kann man sich den sportlichen Ablauf vorstellen?

Bei unserem ersten Rennen ging es noch darum, in der schnellsten Zeit vom Fuß des Berges nach oben zu fahren. Es war definitiv witzig. Es hat sich aber gezeigt, dass es für die Zuschauer eher nicht so Interessant ist, da sie die Zieleinfahrt nicht mitbekommen. Zudem hatten wir Probleme mit der Zeitnahme. Deshalb haben wir das Konzept verändert. Wir haben nun ein  Drei-Stunden-Zeitfahren auf einem Rundkurs mit Berg. Die Fahrer starten in Form eines Le Mans-Massenstarts auf der großen Wiese und fahren dann an den Zuschauern vorbei auf den Berg. Der Rundkurs ist circa drei Kilometer lang. Gewinner ist derjenige, der die meisten Runden gefahren ist.

… und demjenigen winken Ru(h)m und Ehre?

Die ersten drei Plätze werden mit Sachpreisen, beispielsweise einer kostenlosen Mitgliedschaft im Fitnessstudio oder Klamotten, prämiert und der Fahrer mit dem besten Kostüm erhält einen Sonderpreis. Verkleidet Fahren ist also definitiv gerne gesehen.

Wie sieht es mit der Verpflegung aus?

Für das leibliche Wohl ist natürlich gesorgt. Würstchen, Kuchen, Kaffee, Softdrinks, Bier sind vorhanden. Die Fahrer erhalten auch noch zusätzlich ein wenig Nahrung und Getränke.

Wer kann mitfahren?

Mitfahren kann aber jeder, der sich auf einem Rad halten kann. Helm ist Pflicht und man sollte eine Art Mountainbike besitzen, da es Abfahrten über zwei bis drei Stufen gibt. Möchte jemand aber auch mit seinem Hollandrad fahren, wird das auch gehen- irgendwie.

Fährst Du selber mit?

Jedes Jahr fahre ich eine Runde. Mehr schaffe ich leider aufgrund der Orga nicht. Es ist halt doch schon etwas stressig an dem Tag. Zum Glück haben wir aber viele Freunde, die uns komplett unterstützen und helfen. Ansonsten könnte der Bergspurt nicht stattfinden.

Wann und wo findet der Bergspurt in diesem Jahr statt?

Der Bergspurt findet dieses Jahr zum dritten Mal am 18.09.2016 am Monte Clamotte am Rheydter Stadtwald statt. Der Eintritt ist frei. Veranstaltungsbeginn ist um 11 Uhr, Start des Rennens um 12 Uhr. Rennende ist um 15 Uhr und dann läuft die Veranstaltung langsam aus, so dass wir gegen 17 Uhr ungefähr anfangen einzupacken.

 Wie kann man sich anmelden?

Auf dieser Seite: https://bergkoenig.wordpress.com/2016/01/06/bergspurt-2016/

Silke Müller, Bookerin

Silke in Aktion
Silke in Aktion, Foto: Katrin Chodor

 

„Gewuppt“

In ihrem Zuhause in einem ruhigen Sträßchen in Hehn erwartet mich Silke Müller. Ich erinnere mich noch ziemlich genau an unsere erste Live-Begegnung im Frühjahr 2014. Bei einer Pressekonferenz erzählte sie damals voller brennender Leidenschaft davon, wen sie für das damalige HORST-Festival gebucht hatte. Dass direkt im Anschluss an den offiziellen Teil AnnenMayKantereit auf dem Vorplatz der Kulturküche spielten, sagt so ziemlich alles über den guten musikalischen Riecher der 29-Jährigen. Kurzum, ich war sofort Fan von ihr und ihrer Arbeit. Diese verrichtet sie inzwischen seit über zwei Jahren im Sparkassenpark und holte schon Künstler wie Deichkind und Jan Delay in die Vitusstadt. Heute Abend ist aber fast privat, außer dass ich das Band mitlaufen lasse und dafür Strom schnorren muss. Ansonsten stehen gefüllte Tomätchen, grandioses Brot und Oliven bereit. Hier in Hehn wohnt sie in einem „eigentlich zu großen Haus“. Zum Kauf des Eigenheims sagt sie: „Ich sehe es als Projekt. In einem Kollektiv aus vielen Freunden und Verwandtschaft haben wir das Ding gewuppt.“

„Coole Stelle“

Aufgewachsen ist Silke in Gubberath (man könnte auch schreiben in Jüchen, das klingt jedoch nicht halb so süß). Nach der Realschulzeit im beschaulichen Grevenbroich sagt sie sich: „Fickt euch. Ich will nicht hier bleiben.“ Neue Leute kennenlernen und was Neues sehen stehen stattdessen auf dem Programm. Sie wechselt auf das Maria-Lenssen-Berufskolleg in Rheydt, nimmt jeden Tag eine gute Dreiviertelstunde Weg auf sich und macht ihr Fachabitur im Sozial- und Gesundheitswesen. Im Anschluss folgt ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Behinderteneinrichtung im israelischen Herzliya. Warum ausgerechnet Israel? „Ich flieg nicht so gerne. Da dachte ich, warum nicht mal das angrenzende europäische Ausland. Ich wollte aber auch weg sein. Es hätte nicht gereicht, wenn ich nach Dänemark oder Italien gegangen wäre.“ Eine Grevenbroicher Freundin hat zuvor außerdem einen iraelischen Austauschstudenten zu Besuch. Entschlossen fährt Silke deshalb nach Gießen zu einem Treffen des Deutsch-Israelischen Vereins. „Die Leute, die mit mir da hinfuhren, die einen waren in Jerusalem, die anderen in Tel Aviv, schienen alle ganz gut drauf zu sein. Es wurde eine Menge Alkohol konsumiert auf diesen Seminaren, habe ich festgestellt. Dann habe ich mir eine coole Stelle gesucht.“

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Das Mitbringsel, ein Eckes Edelkirsch, erzeugt bei Silke sichtbar Freude – und Skepsis bei Flimm. :-)  Foto: menscheningladbach / Nadine Beneke

„Es tut keinem weh, anderen den Arsch abzuwischen“

Wer nun meint, es sei der damals 18-Jährigen ums Feiern gegangen, irrt. Ihre Aufgabe vor Ort ist es, in einer Einrichtung für Menschen mit geistiger und zum Teil körperlicher Behinderung den Alltag aufzulockern. Sie erzählt: „In meiner Gruppe waren von dreißig Leuten zwei, mit denen man einen Satz wechseln konnte. Autisten, viele schwere Downies. Aber ich konnte mich damals komplett darauf einlassen. Ich hatte null Berührungsängste. Null. Keine Barriere.“ Diese Erfahrung ist nun zehn Jahre her, zu einer „halbwegs sicheren Zeit“. Vor kurzem war Silke noch einmal dort und berichtet: „Es sind viele Tränen geflossen.“ Freundschaften und die Lebensart lernt sie in Israel ebenso zu schätzen wie die Kultur- und Musikszene. Zum Thema FSJ hat sie außerdem eine klare Meinung: „Ich bin absoluter Verfechter davon, dass man das als Pflicht einführen sollte. Es tut keinem weh, ein Jahr lang anderen Leuten den Arsch abzuwischen.“ Silkes ehrliche Art ist entwaffnend und reißt mit. Kein Wunder, dass sie die Agenturen von Deichkind und Co. überzeugen kann, Zwischenstopps in Mönchengladbach einzuplanen.

Auf Vertrauensbasis

Ihre große Liebe zur Musik beginnt bereits im Teenie-Alter. Sie erzählt: „Es war jetzt nicht so, dass ich über meine Eltern oder meine Geschwister musikalisch geprägt wurde, sondern eher über den Freundeskreis.“ „The Process of Belief“ von Bad Religion nennt Silke als eine der Platten, bei der sie sich auch „Mittags um zwölf ein Bier aufmachen“ würde – „weil ich da so viele geile Erinnerungen dran hab.“ 2002, als die Platte rauskommt, besucht die junge Frau ihr erstes Festival, das Haldern Pop. „Ich hab einen krass älteren Freundeskreis gehabt. Ich war 14, 15, die waren alle so 19, 20. Viele Leute, mit denen ich dann nachher zusammen Musik gemacht hab. Meine Eltern haben sich eigentlich nie quergestellt. Ich habe nie harte Drogen konsumiert oder Alkoholexzesse gehabt in meiner Jugend. Das war einfach eine gute Vertrauensbasis.“ Von 2002 bis 2009 spielt sie Gitarre in einer eigenen Band: „Wir hießen zuerst Bootsmann und haben uns dann umbenannt in Noesis und hatten auch einen richtigen Proberaum. Dafür ist mein ganzes Taschengeld draufgegangen.“ Durch das Organisieren der eigenen Konzerte („weil wir nicht die geilste Band der Welt waren“) kommt Silke schließlich auf den Geschmack. Nach ihrer Rückkehr aus Israel studiert sie Kulturpädagogik im Bachelor, „was eine großartige Idee war“, wie sie rückblickend sagt. Ihr Praxissemester absolviert sie beim Landesmusikrat in Düsseldorf, wo sie unter anderem Kölner Beschwerdechor betreut: „Ein Meckerchor. Das war echt ein interessantes Projekt.“

„Da schlummert ein kleiner Wanderzirkus in mir“

Nicht nur interessant, sondern ihr Herzensprojekt wird das HORST-Festival, das 2009 von Olli Leonards angestoßen seine Premiere feiert. Zunächst in der Presse- und Offentlichkeitsarbeit übernimmt Silke schließlich das Booking. Von Cro bis Maxim über Asaf Avidan (den sie in Israel das erste Mal gesehen hat) und Kraftklub holt sie bis 2014 alle vielversprechenden Künstler in die Stadt, die das Festival sich leisten kann. „Das ist die längste Beziehung, die ich in meinem Leben geführt habe. Ich glaube, jeder der schon lange Beziehungen hinter sich gebracht hat, weiß, was das bedeutet“, sagt sie mit ein wenig Wehmut in der Stimme. Dann wirbelt Flimm, der entzückende Hund von Silke, ins Haus und sie lacht wieder. Außerdem, wer weiß, was noch passiert. Mit ihren gerade mal 29 Jahren kann Silke Stationen in Israel, Berlin, Düsseldorf und vor allem reichlich gebuchte Bands aufweisen. An der Hochschule Niederrhein ist die Master-Absolventin inzwischen als Dozentin tätig. In Gladbach fühlt sie sich erstmal „angekommen“. Im Dezember kommen die Beginner und die Sportfreunde Stiller zum Big Air-Snowboard-Spektakel in den Sparkassenpark. Ein kleines Hintertürchen lässt sie sich allerdings für die fernere Zukunft offen: „Da schlummert so ein kleiner Wanderzirkus in mir. Hamburg, oder auch das Ausland. Kanada. Israel ist vor allen Dingen für ältere Leute total geil. Da leben nur junge Leute und die Rentner können den ganzen Tag schöne junge Menschen angucken. Und es ist unglaublich geiles Wetter da.“

Diandra Mona Böning, Bloggerin, Mentorin, Freigeist

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Diandra im Café, Foto: menscheningladbach / Nadine Beneke

„Die schönste Ecke von Gladbach“

Als ich um die Ecke biege und das Café erreiche, sehe ich Diandra schon von Weitem. Sie trägt eine Lederjacke und einen Rock, ihre roten Haare leuchten warm im Tageslicht. Normalerweise, so erzählt sie mir, kommt sie mit ihrer besten Freundin ins Café. Wir setzen uns an den ihr vertrauten Stammplatz rechts vom Eingang und bestellen zwei Latte Macchiato. Diandra holt tief Luft und sagt, wie aufgeregt sie ist. Ihre blauen Augen strahlen. Die Nervosität ist vollkommen unnötig: Als die 27-Jährige Anfang April einen Beitrag zum Thema Feminismus auf ihrem Blog aussergewoertlich veröffentlicht, bin ich sofort Fan. Einerseits beeindruckt mich der Mut, dieses komplexe und wichtige Thema anzustoßen. Andererseits finde ich ihre ehrliche und tiefe Art zu schreiben toll. Persönlich kenne ich sie bis dahin nur von der Musik. 2013 haben wir zusammen in der Holter Kirche gesungen. Doch zunächst zu Diandras Wurzeln. Auf die Frage, wie lange sie schon in Gladbach wohnt, sagt sie: „Schon immer.“ Über Lürrip, Eicken und Pesch kommt sie vor knapp zweieinhalb Jahren an den Wasserturm. Dort wohnt sie seitdem zusammen mit ihrem Freund: „Ich hoffe, dass ich da noch lange bleiben werde. Das ist die schönste Ecke von Gladbach.“ Auch Udo ist für die junge Frau eine beliebte Anlaufstelle: „Das Sandrad ist einer der wenigen Orte in der Stadt, wo das Publikum so gemischt ist. Wo es egal ist, wie alt du bist und was du für Musik hörst. Du findest da so geile Platten und triffst Leute, die du sonst im Leben nicht triffst. Das mag ich sehr.“

„Texte im Kopf“

Ihren Blog schreibt sie zunächst nur für sich selbst, wie sie erzählt: „Jeder hat eine Sehnsucht, dunkle Sachen rauszulassen. In dem Moment, in dem du schreibst, bist du mit dir alleine. Du hast keine Augen, die dich angucken. Du hast nicht das Gefühl, dich bremsen zu müssen.“ Schnell sind wir uns einig, dass Schreiben eine Art von „Nackt-Sein“ ist. Weil man seine persönlichen Beobachtungen mit der Welt teilt, das Innerste nach außen kehrt. Klingt philosophisch, ist es auch. Zwischendurch müssen wir lachen, weil wir immer wieder abschweifen und froh sind, das schräge Erlebnis des Schreibens teilen zu können. Diandra lässt sich Zeit mit den Antworten, überlegt und bemerkt: „Das ist meine Art, Leuten zu zeigen, wie ich Sachen sehe. Eine Freundin hat mir gesagt, ich würde auf Sachen achten, die ihr nie auffallen würden. Da habe ich gedacht: Schön, dass ich es ihr erzählen kann.“ Dabei geht es um einen Raben, Neid, Edith Piafs „Je ne regrette rien“ oder um die wiederentdeckte Liebe zum Singen. Sehr persönlich gestaltet Diandra ihre Beiträge, die zum Nachdenken anregen und das Leben mit einem etwas wärmeren Licht beleuchten. Die Themen sucht die junge Frau deshalb auch nicht auf klassische Weise aus, sie passieren ihr einfach. Unterwegs fallen Diandra Dinge auf, die berühren – und prompt hat sie „Texte im Kopf“. Gelassen sagt sie: „Das ist so ein Selbstläufer.“ Dazu gehört auch, dass fest vorgenommene Inhalte nicht unbedingt ein Thema bleiben: „Ich wollte letztens über Loyalität schreiben, weil es mir auf der Seele brannte. Ich fand die Idee davon so toll, hatte aber überhaupt keine Gedanken dazu. Dann hab‘ ich es gelassen.“

Akustik Session im Blauen Haus
Akustik Session im Blauen Haus, Foto: N.E.B. Fotografie & Bildbearbeitung

„Meine Jam Session ist das Wohnzimmer“

Angefangen, ihre Texte öffentlich zu machen, hat die ausgebildete Mentorin für Soziales und Gesundheitswesen 2012 bei nachtaktiv. Dort las sie eine Kurzgeschichte über eine Disconacht vor. Das positive Feedback motivierte sie, weiterzumachen. Überhaupt ist die Nacht etwas, das Diandra umtreibt: „Ich trinke nicht viel Alkohol, aber ich liebe die Stimmung. Weil sie so ehrlich ist, so rau. Man merkt, was die Menschen gerne wären. Oder was sie verstecken. Das erzeugt bei mir Bilder und Geschichten. Ich hatte mal eine Zeit, da bin ich jede Woche zusammen mit einem Freund nach Duisburg gefahren ins Pulp. Und hab mich einfach hingesetzt und die Leute beobachtet.“ Auch auf der Waldhausener Straße gibt es allerlei zu sehen. Seit der Gründungssitzung 2009 ist die 27-Jährige Mitglied und engagiert sich im Blauen Haus und im Atelier. Über die Anfänge berichtet Diandra: „Mit einem Schlag warst du von Menschen umgeben, die Bock auf Kunst, Kultur und Musik hatten.“ Neben dem Studium in Bielefeld hilft sie deshalb im Atelierbetrieb und organisiert seit 2013 die Akustik Session im Blauen Haus. Sie strahlt über das ganze Gesicht, wenn sie über ihr Projekt spricht: „Meine Jam Session ist das Wohnzimmer. Wir sind manchmal zu viert und haben Abende, an denen wir uns vor allem unterhalten. Das sind dann Gespräche mit Leuten, die total unterschiedlich sind. Manchmal sind wir aber auch zwanzig Leute und es ist so laut, dass einem fast die Ohren platzen. Das ist cool. Das macht es für mich aus.“

„Ich find mich manchmal spießig“

Die Begegnung mit Menschen ist es, die Diandra auch in ihrem Job als Mentorin für Soziales und Gesundheitswesen fasziniert. Im Rahmen ihres Studiums verbrachte sie viel Zeit in Bethel. „Das ist ein krasser Teil von Bielefeld“, sagt sie, und fährt fort: „Da laufen ganz viele Menschen mit Behinderung rum. Es wird ganz anders miteinander gelebt. Das hat mir beigebracht, Leute nicht in Schubladen zu schmeißen. Und dass es völlig cool und normal ist, wenn Menschen mit Behinderung in Restaurants arbeiten und wie einfach das umzusetzen ist.“ Diandra selbst passt auch in keine Schublade und bemerkt selbstkritisch: „Ich erfahre gerade so viele Sachen über mich. Ich find mich manchmal so spießig.“ Jemand, der seine Kreativität auf so unterschiedliche Art auslebt und so einen offenen Geist hat, ist allerdings alles andere spießig. Das beweist auch Diandras außergewöhnlicher Stil, den sie selbstironisch beschreibt. Frage: „Wie würdest du deinen Stil beschreiben?“ Diandra: „Unten offen. Oh Gott, das hört sich unanständig an. Ich trage fast nie Hosen. Und ich mag halt gerne auffallen. Aber nicht genug, um das zu tragen, was alle mögen.“ Sie schwärmt von 50er Jahre-Mode, von Paketen, die ankommen und darauf warten, ausgepackt zu werden und von Ebay. Auf ihre leuchtenden Haare angesprochen, verrät sie: „Die habe ich schon mindestens sechs Jahre. Ich war vorher immer das Mädchen, das zwischen den ganzen Punks stand und die Haare hellblond hatte. Ich habe alles ausprobiert außer Schwarz. Aber ich glaube, das bin ich. Witzigerweise sprechen mich sehr viele Rentnerinnen an und fragen, von welcher Marke mein Haarton ist.“ Soviel sei verraten: Die Farbe ist von L’Oréal. Wer mehr von Diandras Stil, ihren feinen Gedanken und Beobachtungen lesen möchte, sollte dringend auf aussergewoertlich vorbeischauen. Auch auf Facebook.

Udo Eilers, Zum Sandrad

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Udo, Foto: Luisa Sole / Lulugraphie

„Alles schon passiert“

Schon durchs Fensterchen der Holztür sehen wir Udo an seiner Theke sitzen. Er trägt ein Holzfällerhemd und bereitet sich fast meditativ mit lauter Musik auf den Abend vor. Wir klingeln. Nichts geschieht. Wir klingen ein zweites Mal. Es surrt. Wir treten ein. Udo spritzt auf und verschwindet hinter der Theke. Mit unverkennbarer, dunkler Stimme fragt er: „Was kann ich euch zu trinken machen?“ Sofort kommt ein heimeliges Gefühl auf. Mit grazilen Bewegungen nimmt er Gläser zur Hand, befüllt sie mit Cola und Apfelschorle und stellt sie uns hin. „Ich habe schon zwei Mal angerufen“, sage ich, „wegen des Interviews.“ Er erinnert sich und sagt: „Du schreibst über Menschen in Gladbach? Da ist doch schon alles geschrieben.“ Vor 37 Jahren habe bereits jemand einen „sehr unterhaltsamen“ Artikel über ihn verfasst. Er scheint sich zu erinnern und schmunzelt kurz. Dann fügt er hinzu: „Es ist eigentlich alles schon passiert.“ Ich hoffe inständig, dass das nicht das Ende des Interviews ist – und bleibe sitzen.

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Raucher aus Leidenschaft, Foto: Luisa Sole / Lulugraphie

„Da krieg‘ ich die Krise“

Nach einer Weile nimmt Udo wieder auf dem Hocker neben mir Platz. Um kurz vor zehn sind meine Begleiterin und ich noch die einzigen Gäste. „Jetzt könnt‘ et langsam losgehen“, meint Udo – und fängt an zu erzählen: „Man sagte mir, ich sei der Wirt, der am längsten in der Altstadt ist.“ Im April werden es 37 Jahre. „Günther Netzer hat bei mir verkehrt. Grimmepreisträger, Ingo Appelt und Stefan Effenberg“, erzählt er. Zuvor leitete Udo fünfeinhalb Jahre eine „American Cocktail Bar“, das Karoo am Buscherplatz. Eine Klingel gab es hier in der Sandradstraße von Anfang an. „Mit Respekt ist das wunderschön“, sagt Udo – und formuliert es kurz darauf noch einmal drastischer: „Wenn jeder Arsch reinkommt, das geht gar nicht.“ Er verschwindet wieder hinter der Theke, durchsucht seine Musikschätze und legt behutsam eine Kassette ein. Tracy Chapman singt „Talkin‘ ‚bout a revolution“ und Udo deutet auf den Kassettenstapel im Regal: „Alles selbst zusammengestellt. Nix gekauft.“ Nach der Anzahl gefragt, antwortet der 69-Jährige: „Bei 750 habe ich aufgehört zu zählen.“ Aus über 1400 LPs von 1958 aufwärts bastelt der Gladbacher seine Mixtapes. Inzwischen auch Mix-CDs. Er sagt: „Ich liebe Musik. Musik ist grenzüberschreitend.“ Rock, Jazz, Hardrock und Blues haben es ihm angetan. „Was ich nicht mag, ist Rap. Da krieg‘ ich die Krise.“ Auch Free Jazz sei im Sandrad schwierig, meint er: „Das kannste nur zu Hause hören, da fällt einem ja das Bier aus der Hand.“

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Mit Ruhe und Bedacht: Udo, Foto: Luisa Sole / Lulugraphie

„Tolle Atmosphäre“

Zur Gastronomie kam Udo durch Zufall. Zunächst arbeitete er als Musterzeichner für Stoffe. „Das ist aber alles den Bach runtergegangen.“ Danach bewarb er sich mit einer Mappe bei Schwann in Düsseldorf – und bekam als Farbretouscheur und Layouter fortan das doppelte Gehalt. Später machte er sich selbstständig und arbeitete im eigenen Studio unter anderem für Gruner und Jahr: „Schöner Wohnen und der Stern, das waren unsere zwei Knaller“, erinnert sich Udo. Anfang der Siebziger ging er gerne aus, kellnerte zwischendurch in der Mieze in Düsseldorf. Sein Lieblingslokal aber war das Karoo in  Hermges. Als die Bar verkauft werden sollte, sagte Udo kurzerhand: „Dann übernehm ich das.“ Er legte los – und war verzaubert. „Diese Atmosphäre war toll! Verschiedene Leute, Intellektuelle, viele Kulturen.“ 1979 zog er an den wohlbekannten Standort um, „weil das zentraler war“. Es klingelt, und drei junge Männer treten ein. Udo zapft das gewünschte Bier mit Seelenruhe und vorbildlicher Schaumkrone. Zwischendurch verschwindet er hinter einer Schiebetür mit RY- und „Farbe bekennen, Rassismus ächten“-Aufklebern – dem Vorratsrraum. Geboren ist Udo in der Neustraße, und damit ein „Rheydter Jung“, wie er erzählt. Fragt man ihn, ob er Kinder hat, sagt er: „Ihr seid alle meine Kinder!“ Klar ist, die Atmosphäre, die er selbst beim Ausgehen bewundert hat, vermittelt er im Sandrad allemal. Mit seiner Art, der urigen Einrichtung, Kerzenschein und leckerem „Schmunzelsüppchen“ (Alt). Und ja, natürlich auch mit seiner Frisur.

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Sandrad und Udo sind einzigartig, Foto: Luisa Sole / Lulugraphie

„Nicht getönt, nicht gefärbt“

Auf diese angesprochen, sagt er trocken: „Ich bin so geboren worden. Naja, fast.“ Udos Augen leuchten beim Erzählen und er fügt hinzu: „Nicht getönt, nicht gefärbt. Das habe ich von meiner Mama geerbt.“ Zehn Minuten braucht er im Bad. Die Frisur richtet er mit der Rundbürste. Er gestikuliert ein bisschen wie ein Dirigent und erzählt: „Gleich kommt noch meine Freundin. Das kannste hier nicht alleine machen am Wochenende.“ Sonntags und montags bleibt das Sandrad geschlossen: „Man braucht ja auch ein bisschen Privatsphäre.“ Inzwischen sind ein paar Leute mehr eingetrudelt. Ein Mann, der auf seinem Smartphone herumtippt, und eine Frau. Diese begrüßt Udo mit einem schmissigen „Sei gegrüßt! Jacky?“ Die Frau nimmt heute ein Weizen, welches der Wirt sofort mit sensationeller Krone serviert. Udo schmeißt seinen eigenen Turbo an und huscht von Gast zu Gast, für jeden ein freundliches bis ermahnendes Wort auf den Lippen. Zu laute Gäste beispielsweise werden schon mal mit beschwichtigender Geste und den Worten „Macht mal Piano“ bedacht. Heute ist Udo aber sehr beschwingt und schnipst und wippt zu erklingenden Reggae-Rhythmen. „Gladbach ist ein Dorf geworden“, ruft er mir zu. „Früher wäre um diese Uhrzeit draußen eine bunte Menschenmasse gewesen.“ Deshalb lässt er seinen Laden auch an allen Tagen so lange offen, wie die Leute kommen. Verschmitzt sagt er: „Damit die Studenten noch was zu erzählen haben.“ Auch wenn Freunde ihm inzwischen ein Notfallhandy besorgt haben, „falls mal was sein sollte“ und zwischendurch der Notdienst anruft, um zu hören, ob im Sandrad alles in Ordnung ist – Udo denkt noch lange nicht ans aufhören. Oder wie er sagt: „Meinen Sarg hab ich noch nicht bestellt.“ Mehr noch: Als er gefragt wird, ob er die 40 Jahre noch voll machen will, antwortet er trocken: „Drei Jahre sind doch nix!“ So ein Glück.

Zum Sandrad, Sandradstraße 9, Mönchengladbach

Dienstag bis Samstag: 21 Uhr – Ende offen

Alle wundervollen Fotos dieser Geschichte hat Luisa Sole, die auch auf meinem Blog zu finden ist, beigesteuert. Tausend Dank!❤

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Auf Udo! Foto: Luisa Sole / Lulugraphie

Neues Jahr, neues Glück – und jetzt kommt ihr!

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Prosit aufs neue Jahr!❤ Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach

Da ist es also, dieses 2016. Momentan befinde ich mich noch ein wenig im Winterschlaf und plane, was das Jahr so bringen soll. Neben einer Reise nach Krakau habe ich mir vorgenommen, wieder in den 10 Kilometer-Trainingsplan einzusteigen, glücklich zu sein, Konfetti zu verstreuen und mehr zu tanzen.🙂

Viele Ideen für tolle Portraits habe ich außerdem. Ganz alleine entscheiden möchte ich aber nicht. Es gibt schließlich viele großartige Gladbacher, die ich (noch) gar nicht kenne. Deshalb seid ihr gefragt: Wen wollt ihr unbedingt hier sehen? Wer hat es sowas-von-verdient, der Öffentlichkeit vorgestellt zu werden? Weil er/sie euer Held, eure große Liebe, sozial/kulturell/sonstwie engagiert ist? Oder für euch einfach wunderbar? Schreibt mir gerne eine Mail oder schickt mir eine Nachricht auf Facebook. Ich freue mich auf euren Input. Auf dass das neue Jahr ein gutes und positives wird.❤

Eure Nadine

Sophie Knops, Musikerin 

 

Strahlt mit dem Tannenbaum um die Wette: Sophie; Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach

 

Zupfinstrumentebauerin

Wieder im Van Dooren. Wieder bei einem Chai Tee mit Milch. (Und nein, ich mache wirklich keine Schleichwerbung!) Auch meine heutige Interviewpartnerin hat sich den warmen Rückzugsort am Schillerplatz als Treffpunkt gewünscht. Das Café erreicht sie fußläufig von zu Hause aus. Das erste Mal getroffen habe ich Sophie Knops in einem Krefelder Irish Pub. Ihre Stimme, die Tiefe ihrer Musik und ihr sehr eigenes, filigranes Gitarrenspiel haben mich direkt beim ersten Konzert begeistert. Deshalb traf ich die damalige Schülerin wenig später zum Interview im Eiscafé am Vitus Center, um mehr über ihre Musik zu erfahren. Heute, zwei Sophie-Alben, viele Auftritte und drei Jahre später, kommt die Gladbacher Singer/Songwriter-Slam-Gewinnerin von 2012 mit einem Blazer durch die Tür, lacht und erklärt das schicke Outfit mit: „Du willst ja bestimmt ein Foto machen.“ Die 18-Jährige hat im Sommer die Schule mit dem Abi abgeschlossen und ist seit August Auszubildende. Der Beruf, den sie sich ausgesucht hat, passt zu ihrer Leidenschaft: „Zupfinstrumentebauerin. Manchmal muss ich das Wort tausend mal wiederholen, weil die Leute nicht wissen, was das ist. Ich könnte auch sagen Gitarrenbauerin. Aber wir bauen halt nicht nur Gitarren“, erklärt sie.

„Viel praktisches Gedöns“

Bässe, Mandolinen, Ukulelen, Zithern, Harfen, Gitarren und viele weitere Saiteninstrumente werden in der Schwalmtaler Werkstatt von Helmut Stauder gebaut. Für Sophie bedeutet das „viel praktisches Gedöns“. Im Klartext: Schleifen, Feilen, aber auch technisches Zeichen. Letzteres lernt sie ab Januar in der Berufsschule im bayerischen Mittenwald. So manche Blessur an der Hand zog sich die 18-Jährige bei der handwerklichen Arbeit schon zu. „Einmal habe ich mir die Haut auf der Handoberflache abgeschabt“, sagt sie und ich bekomme Gänsehaut. Schnell zurück zu den Instrumenten: Ihr erstes Projekt war ein Dulcimer. Als ich erst pseudo-wissend nicke und dann doch fragen muss, was das ist, erklärt Sophie lachend: „Das ist ein Brett mit einem Griffbrett drauf. Die Bünde sind nicht so eng wie auf der Gitarre. Das Instrument kommt ursprünglich aus Nordamerika. Und man spielt es auf dem Tisch oder auf dem Schoß.“ Momentan arbeitet sie an einem Bass für ihren Freund und darf bald auch eine E-Gitarre für sich selbst bauen. Gelandet ist Sophie bei Helmut, der sie väterlich in die Kunst des Instrumentebaus einweist, durch einen Tipp von André Sole Bergers (MG KITCHEN TV). Nach einem Schul-Praktikum und Ferienjobs in der Werkstatt kam sie eines Tages nach Hause und verkündete: „Das ist, woran gerade mein Herz hängt. Warum sollte ich das nicht machen?“ Gesagt, getan.

 

Foto-Session vor dem Tannenbaum; Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach

 

„Richtig cool“

Jeden Morgen setzt sich Sophie nun ins Auto und fährt nach Schwalmtal in die Werkstatt, „ziemlich auf dem Feld, am Arsch der Welt.“ Chef Helmut, der Stauder-Bier-Verwandte, hat übrigens keine eigene Homepage. Werbung findet lediglich durch Mund-zu-Mund-Propaganda statt. Längst hat sich die Werkstatt als Institution für den Niederrhein etabliert. Eine große Motivation für Sophie ist, sich irgendwann eine akustische Gitarre bauen zu können: „In zwei Jahren, wenn ich die Ausbildung fertig, ein paar Sachen wie Schleifen oder Feilen besser drauf habe, und ein bisschen mehr Gefühl für das Holz, werde ich mich an die akustische Gitarre heranwagen. Die soll dann ja auch richtig cool werden.“ Richtig cool passt dann nur zu gut zu Sophies Musik, die sie im Schnitt drei Mal im Monat live spielt. Bevor sie ihre Leidenschaft für Zupfinstrumente entdeckte, lernte Sophie im Kindesalter bei Herrn Kerkeling an der Mönchengladbacher Musikschule Klavier. Wie die 18-Jährige verrät: „Das ist der Cousin von Hape Kerkeling – Burkhard.“ Inzwischen plant die Songwriterin ihr drittes Album, büffelt in ihrer Freizeit Musiktheorie und spielt in einem neuen, soulig-funkigen Projekt E-Gitarre.

„Meine zweite Leidenschaft“

Nur ein anderes Hobby hätte der Musik übrigens noch Konkurrenz machen können: „Meine zweite Leidenschaft ist der Fußball“, erzählt Sophie und fügt wie nebenbei hinzu: „Ich habe auch mal bei Gladbach gespielt.“ Im Kindesalter trainierte sie von 2006 bis 2008 bei Borussia und absolviert das Nationalmannschafts-orientierte Programm voller Motivation: „Mir hat das unheimlich Spaß gemacht. Ich habe viel gelernt. Das ist bis heute noch alles in meinem Kopf.“ Als sie dann in die fünfte Klasse kommt, viele ihrer Freunde sich in andere Vereine verabschieden und Bänderrisse folgen, entscheidet sie sich gegen den Fußball und für die Musik. Die Spiele der Borussia verfolgt sie natürlich noch immer regelmäßig. Dennoch dürften alle Zuhörer der gleichen Meinung sein: eine gute Entscheidung, statt Sport Musik zu machen! Nach ihren Wünschen für 2016 gefragt, sagt die junge Frau nur: „Glücklich sein.“ Das kommende Album soll übrigens nach „mehr Fingerstyle“ klingen und „den Fokus auf der Gitarre“ setzen. In diesem Sinne: 2016 kann kommen.❤

Myriam Topel, Fotografin

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Myriam Topel in ihrem Studio, Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach

„Wie eine Geisteskranke gearbeitet“

Bereits bei meinem ersten Interview für den Blog erzählte mir Luisa, wie vielseitig kreativ ihre Kollegin Myriam Topel ist. Ich kannte die Fotografin bis dahin nur von sehr netten Mails, die wir in regelmäßigen Abständen in Sachen Greta- oder Claus-Markt ausgetauscht hatten. Die Märkte veranstaltet sie, zusammen mit Nicole Schlürensauer, bereits seit 2008. Vor gut zwei Wochen durfte ich die quirlige 39-Jährige, die von allen My (ausgesprochen Mü) genannt wird, das erste Mal persönlich treffen und ihr jede Menge Fragen stellen. An der Wohnungstür begrüßt mich zunächst Myriams Freund André und nimmt mich in Empfang. Kurz darauf stürmt auch die blonde Frau in die Wohnung. Noch bis kurz vor unserem Treffen liefen die Vertragsbesprechungen für den diesjährigen Standort des Claus-Markts, den SMS Businesspark. „Eigentlich wollte ich doch Schnittchen machen“, ärgert sich Myriam und kocht mir sofort einen sehr leckeren Yogi-Schokoladen-Tee. Ich frage sie, wie sie eigentlich in der Kreativbranche gelandet ist. „Weil meine Mama wollte, dass ich was Vernünftiges mache, habe ich eine Ausbildung im Reisebüro gemacht. Ich bin gelernte Reiseverkehrskauffrau“, erzählt sie. Dann jedoch fällt ihr während der Ausbildung ein Sprachreisekatalog in die Hände, und Myriam fasst einen Entschluss: „Ich wollte immer schon nach Australien reisen. Dann habe ich während meiner Ausbildung wie eine Geisteskranke nebenher gearbeitet und mir das nötige Geld zusammengespart.“ Viereinhalb Monate bleibt sie in Down Under, lernt die Sprache, bereist das Land und stellt fest: „Ich muss was Kreatives machen.“

„Ich brauche die Emotionen“

Wieder in Mönchengladbach angekommen, entscheidet sie sich für einen Neustart. Myriam folgt dem Rat einer Freundin, die als Tänzerin am Theater arbeitet, und bewirbt sich für ein Praktikum beim Theaterfotografen. „Fotografie hat mich schon immer interessiert“, sagt sie. Ihre Bewerbung hat Erfolg: Ein Jahr lernt sie am Theater, hängt ein weiteres Praktikum bei einem Fotokünstler und beim Film dran und lernt so verschiedene Bereiche kennen. 2004 macht sie sich selbstständig. Zunächst darf sie noch das Studio ihres ehemaligen Chefs im Theater nutzen, „was großartig war“. Vier Jahre später dann sucht ihr Kumpel Ulf einen Standort für seinen Skateboard-Shop. Die Ladenfläche reicht für Zwei, Myriam bezieht ihr erstes eigenes Studio in der Goethestraße. Inzwischen ist sie bereits seit sieben Jahren dort. „Beim Fotografieren steckst du unfassbar viel von dir selber rein. Diese Akkus musst du auch wieder aufladen. Ich mit mir alleine vorm Rechner ist dann Meditation“, beschreibt sie die verschiedenen Facetten ihrer Arbeit. Nach ihren Lieblings-Motiven gefragt, antwortet die 39-Jährige wie aus der Pistole geschossen: „Menschen.“ Und fügt hinzu: „Ich brauche die Emotionen.“ Eine Ausnahme macht die Gladbacherin aber in regelmäßigen Abständen – für Poppy.

 

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Poppy auf Madeira, Foto: Myriam Topel

„Alles muss sitzen“

Poppy stand schon auf dem Hollywood-Stern von Marlene Dietrich, trägt mal knappe, mal pompöse Outfits, guckt meist sehr ernst – und ist ziemlich gelenkig für eine Puppe. Wie Myriam auf die Idee kam, eine gelenkige Barbie fotografisch in Szene zu setzen? „Eine Zeit lang bin ich super gerne alleine in den Urlaub gefahren. Dann verband sich das so. Ich habe die Puppe genommen und egal vor welchen Szenarien fotografiert. Anfangs dilettantischer. Aber irgendwann habe ich das auf die Spitze getrieben.“ Inzwischen sucht die Fotografin einzelne Outfit-Teile aus und schickt der portugiesischen Schneiderin ihres Vertrauens („Sie ist eine wahre Künstlerin.“) Wunschkleider, die diese dann originalgetreu umsetzt. Selbstverständlich ist Poppy auch als Model auf den Greta- und Claus-Plakaten zu sehen. „Im Prinzip ist das Produktfotografie“, sagt Myriam, und erklärt mir: „Wenn du bei einer Puppe eine Momentaufnahme machst und ein Haar hängt ihr vors Gesicht, dann ist das nicht so einfach wegzuretuschieren wie bei einem Menschen. Alle Arme, die Haare, der Kopf und das Kleid müssen vernünftig sitzen.“ Auf Madeira durfte Poppy einmal mehr ihr Können zeigen. Passend zum diesjährigen Seemannsthema von Claus.

„Mega-Glücksgriff“

Das Motto des winterlichen Markts war in diesem Jahr weniger das Problem. Vielmehr suchten Nicole und Myriam verzweifelt nach einer Location. Das TiN (Theater im Nordpark), der Veranstaltungsort des Vorjahres dient inzwischen als Herberge für Flüchtlinge, auch alle anderen Optionen erledigten sich schnell: „Selbst die Kaiser-Friedrich-Halle ist zu klein. Event-Hangar und Kunstwerk. Alles zu klein“, sagt Myriam. Nach einer kurzen Phase der Verzweiflung, eilte dann die Rettung herbei: „Herr Jansen hat die SMS-Halle aus dem Hut gezaubert“´, strahlt die 39-Jährige und bezeichnet den Mann von der Entwicklungsgesellschaft der Stadt Mönchengladbach als „persönlichen Superliebling“ der beiden Organisatorinnen. Nachdem sie die Veranstaltung 2008 zunächst als Dreiergespann mit Myriams Nachbarin Desiree Rose begannen, planen Nicole und Myriam inzwischen als Duo. Die Märkte erfordern inzwischen eine Menge Organisation, wie Myriam erzählt: „In Teilen im Jahr hast du zwei Jobs, komplett.“ Deshalb hat sich Desi aus dem Veranstalter-Part zurückgezogen, kümmert sich aber nach wie vor um die kreative Gestaltung der Flyer und Plakate. Ihre Markt-Partnerin Nicole nennt sie einen „Mega-Glücksgriff“ und erklärt die Rollenverteilung: „Sie ist der Finanzminister und ich bin primär für die Ausstellerbetreuung zuständig.“ Das System funktioniert. Waren es 2008 gerade einmal 18 Aussteller („und drei davon waren wir“) im Kolpinghaus, stellen heute „eher 140 als 130“ Kreative ihr handgemachten Spielsachen, Accessoires, Schmuck- oder Möbelstücke aus. Die Grundidee basiert auf dem Holy Shit Shopping aus Berlin. Die Deko und die familiäre Atmosphäre haben sich jedoch längst als Alleinstellungsmerkmale von Greta und Claus herauskristallisiert. Angebote aus anderen Städten lehnen Nicole und Myriam übrigens beharrlich ab: „Das kommt für uns nicht in Frage. Claus und Greta wohnen hier.“ Überhaupt hat sich für die Fotografin in letzter Zeit in Gladbach einiges gewandelt: „Wenn du dich vor ein paar Jahren noch allein auf weiter Flur gefühlt hast, alle haben geschimpft und du hast dir den Mund fusselig geredet, ist es heute halt ‚Gagong‘.“ Mit einem Klopfen auf ihr Herz zitiert Myriam damit das Herzklopfen aus Dirty Dancing. Mein Herz geht auf. Gagong.

Der Claus-Markt findet dieses Jahr am 12. und 13. Dezember im SMS Businesspark statt.

Sollte schon jetzt jemand eine Idee für eine tolle Location 2016 (ab 2000 m², in Mönchengladbach) haben – bitte meldet euch bei Myriam und Nicole.

 

Torsten „Knippi“ Knippertz, Stadionsprecher bei Borussia Mönchengladbach 

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Stadionsprecher, Schauspieler und Moderator Torsten „Knippi“ Knippertz, Foto: Myriam Topel*
„Sauwohl“

Während mein Tee vor sich hindampft, kommt Torsten „Knippi“ Knippertz ins Van Dooren. Bereits im vergangenen Jahr durfte ich den großgewachsenen 45-Jährigen in der Kulturküche interviewen. Heute stehen wieder viele Fragen auf meiner Liste. Los geht es also: Geboren und aufgewachsen ist der Stadionsprecher in Mönchengladbach, erzählt er mir: „Dann habe ich eine kurze Runde gedreht. Ein paar Jahre in Köln, ein paar Jahre in Berlin und München. Seit ungefähr acht Jahren wohne ich wieder hier.“ Zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter lebt Torsten am Schillerplatz und fühlt sich „sauwohl“. Mit 26 beginnt er seinen Ausflug durch Deutschland, absolviert Stationen wie Radio Köln, EinsLive oder Radio Energy München. Außerdem ist er in Serien wie „Unser Charly“ oder „Mord mit Aussicht“ als Schauspieler zu sehen. Im kommenden Jahr spielt er einen FIFA-Pressesprecher im Kinofilm „Der 90 Minuten Krieg“. Regelmäßige Moderationen für n-tv, SPORT 1 und die Kulturküche stehen in seinem Wochen- und Monatsplan. „Das Fußballerische richtet sich natürlich nach dem Spielplan von Borussia Mönchengladbach“, sagt er. Wenn man ihn fragt, welche seiner Aufgaben ihm am meisten Spaß macht, kommt die Antwort prompt und mit einem großen Lächeln im Gesicht: „Herzensmäßig ist Borussia ganz weit vorne, zusammen mit der Schauspielerei.“

„Isch bin bereit“

1999 beginnt „Knippi“ als Stadionsprecher am Bökelberg. Ein WG-Kumpel überredet ihn damals mit den Worten: „Du bist Gladbach-Fan, du kannst drei Sätze geradeaus reden. Bewirb dich doch.“ Gesagt, getan. Nach einem Treffen mit dem Pressesprecher, den Torsten „über drei Ecken“ kennt, ist die Sache klar. Er löst Carsten Kramer ab, „der heute im Marketingvorstand von Borussia Dortmund sitzt.“ Nach zwei Jahren als Bökelberg-Sprecher pausiert Torsten aus beruflichen Gründen, dreht seine Runde durch Deutschland. Als 2006 Matthias Opdenhövel als Stadionsprecher aufhört, bekommt er den wichtigen Hinweis von einem Fan. Er schreibt dem VfL eine Mail mit nur einem Satz: „Isch bin bereit.“ Eine gute Entscheidung, sich Richtung Heimat zu orientieren: Bei der Stadioneröffnung 2004 lernt er seine große Liebe kennen, mit der er heute in Eicken wohnt. Nach ein paar Jahren Fernbeziehung entschließt er sich für die Rückkehr nach Mönchengladbach, wie er ruhig erzählt. Hier und da wird Knippi, der immer wieder ins lustige Niederrheinische verfällt, ganz ernst. Das ist auch der Fall, wenn er über seine Aufgabe im Stadion spricht: „Ich sitze direkt am Spielfeldrand und bekomme die Reaktionen hautnah mit. Das ist natürlich ein echtes Geschenk für jemanden, der Fußball liebt.“

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Im Stadion eher deeskalierend: Knippi, Foto: Lars Henning Schröder*
„Borussia hat mich geheilt!“

Sein erstes Stadionerlebnis kann er noch genau beschreiben: „Bei meinem ersten Spiel 1979 haben sie gegen den HSV gespielt. 1:1. Aber es war, auch wenn Borussia nicht gewonnen hat, ein Wahnsinnserlebnis. Da war einer in der Kurve, der hatte Krücken dabei. Und als das Tor für Gladbach fiel, schmiss er die Krücken weg und rief: ‚Borussia hat mich geheilt!‘ Das fand ich als Neunjähriger total faszinierend. Bis ich dann mitbekommen habe, dass er das bei jedem Spiel gemacht hat.“ Beim SC Hardt und beim SC Rheindahlen spielt Torsten in der Jugend. Bei den Senioren wieder beim SC Hardt. „Das ist mein Verein und mein Heimatort, in dem ich aufgewachsen bin“, sagt er. „Zu mehr als Bezirksliga hat es aber nie gereicht“, erzählt Knippi. Dennoch hat er sein Hobby zum Beruf gemacht. Am Spielfeldrand muss der 45-Jährige sich an das vom DFB herausgegebene Handbuch für Stadionsprecher und Platzansager halten. Eigens dafür wurde für die deutschen Fußballsprecher aller Himmelsrichtungen eine Schulung initiiert. Seitdem findet ein regelmäßiger Austausch statt: „Der Stadionsprecher von St. Pauli hat vor drei Jahren eine Initiative gestartet und alle Stadionsprecher angeschrieben, wie denn die einzelnen Spieler ausgesprochen werden. Daraufhin hat sich dann ein E-Mail-Verteiler gebildet. Jetzt ist geplant, dass wir uns in der Winterpause in Berlin mal auf ein Bierchen treffen.“ Allen gemein ist das Ziel der Deeskalation: „Zum Beispiel steht im Handbuch, dass man nicht sagen soll: ‚Wir begrüßen unseren heutigen Gegner‘, sondern ‚Wir begrüßen unseren heutigen Gast‘.“ Im BORUSSIA-PARK sind die Rollen klar verteilt zwischen Stadionsprecher Knippi und Sicherheitssprecher Herrmann Schnitzler, wie Torsten erzählt: „Herrmann ist dafür zuständig, wenn es ernst wird.“ So wie am vergangenen Samstag, als die Schweigeminute verlesen wurde.

Freudentaumel in der Spielertraube

Bei aller Deeskalation und dem Respekt vor den Gästen: „So ganz kann man die Emotionen trotzdem nicht abschalten.“ Nach seinen Lieblingsanekdoten von der Bank gefragt, antwortet er: „Im Jahr, als Borussia abgestiegen ist, war ein sehr wichtiges Spiel gegen Werder Bremen. Kurz vor Schluss fiel das zwei zu zwei, das noch Hoffnung gegeben hat. Da war ich so im Jubel, dass ich mich auf einmal auf dem Spielfeld im Sechzehner nahe der Spielertraube wiedergefunden habe.“ Die Folge ist ein Rüffel vom vierten Offiziellen und ein Eintrag in den Spielbericht. Neben dem Freudentaumel hat Knippi aber auch schon wahrsagerische Fähigkeiten bewiesen. So kündigt er den Wechsel eines ehemaligen Spielers folgendermaßen an: „Hier kommt die Nummer 16, der Torschütze des nächsten Tores – Rob Friend.“ Nach ein paar Sekunden trifft dieser tatsächlich. Apropos Wahrsagen: Wie sieht es eigentlich mit Zukunftswünschen aus, persönlich und für die Borussia? – „Dass ich gesund bleibe. Dass meine Familie gesund bleibt. Das ist das Allerwichtigste. Und dass ein Mittel erfunden wird, das man ohne Bedenken anwenden kann für mehr Haarwuchs. Und wenn man mal in Utopien schwelgen darf, wünsche ich mir noch irgendeinen Titel, gerne auch einen großen.“ Da wünsche ich mit. Und drücke die Daumen für das Zaubermittelchen!🙂

Falls ihr noch mehr über Knippi erfahren wollt – hier geht es zu seiner Homepage. 
* Normalerweise knipse ich die portraitierten Menschen in Gladbach selbst. Das Licht im Van Dooren war allerdings so gemütlich, dass mein bescheidenes Equipment nicht mitgemacht hat. Deshalb diesmal sehr hübsche Profi-Fotos! Danke, Myriam und Lars!

Alex Kiourtzidis, Van Dooren

Alex an einem original Van Dooren-Klavier in seinem Laden
Alex an seinem original Van Dooren-Klavier, Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach
Nicht der klassische Typ Chef“

Am Wochenende gehe ich oft ins Van Dooren. Egal ob fürs Frühstück mit Joghurt und frischen Früchten oder doch auf ein Club-Sandwich – das Essen ist bombig gut, die Stimmung entspannt und der Laden eine Perle in jeder Hinsicht: Hohe Decken, riesige Fenster, kuschelige Überwürfe auf den Stühlen und Zeitschriften aller Art laden zum gemütlichen Zurücklehnen ein. Verantwortlich für das wunderbare Café am Schillerplatz ist Alexandros Kiourtzidis, kurz Alex genannt. Als ich mich mit ihm auf eine Maracuja-Schorle und einen Kaffee zum Interview hinsetze, macht der Wahl-Gladbacher mit griechischen Wurzeln mir eines schnell klar: „Ich bin hier zwar die leitende Person. Aber dahinter steht ein ganzes Team. Von der Küche bis hin zu der Dame, die sauber macht.“ Die zwölf Van Dooren-Mitarbeiter haben eine ganz besondere Verbindung, so der 39-Jährige: „Ich betrachte das Team mittlerweile als Familie. Das hat nicht nur damit zu tun, dass meine Mutter und mein Bruder hier mitwirken und arbeiten. Ich bin einfach nicht der klassische Typ Chef.“ Ob Spülen, Abräumen oder Servieren – der dunkelhaarige Mann mit Bart ist sich für nichts zu schade. Und das aus ganz einfachen Gründen: „Weil es mir Spaß macht, weil es mein Laden ist und weil ich auch ein bisschen zeigen will, wie es geht.“

Unfaires Spiel“

Der hübsche Innenraum des Van Dooren
Der hübsche Innenraum des Van Dooren, Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach
So handhabt Alex es nun seit über drei Jahren. Im Juli 2012 zieht er nach Mönchengladbach, einen Monat später eröffnet er das Van Dooren. Geboren und aufgewachsen ist er in Düsseldorf. Sein Vater und seine Mutter, erzählt er, hätten schon immer in der „Gastro“ gearbeitet. Im Alter von 16 Jahren zieht es ihn nach Griechenland, in die Heimat seiner Eltern. Ich frage ihn, ob seine Rückkehr nach Deutschland mit der Krise zusammenhängt und erzähle von einem Fernsehbeitrag, den ich neulich gesehen habe. Dieser dokumentiert, wie ältere Menschen auf den Markt stürmen, um heruntergefallene Waren einzusammeln. Alex nickt und sagt: „Das habe ich nicht nur in einer Doku gesehen, sondern sehr oft live miterlebt. 2012 in Athen. Dieses ganze Spiel, das auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen wird, ist unfair.“ In seinem damaligen Job als Innenarchitekt kommt er deswegen nicht weiter, sieht etliche Freunde arbeitslos werden. Warum es ihn ausgerechnet nach Mönchengladbach verschlagen hat, beantwortet er schnell: „Wegen des Objekts. Als ich das Gebäude und den Laden gesehen habe, habe ich mich direkt verliebt.“

Der Schillerplatz ist am Van Dooren“

Mit eben dieser Liebe richtet Alex den Laden ein, nutzt das helle Licht und den großen, offenen Raum. Ob Tische aus Teekisten oder rot leuchtende Glühbirnen – wer sich umsieht, merkt, dass Alex sein Handwerk als Innenarchitekt versteht. Er sagt: „Der Raum an sich hat sehr viele positive Vibes. Die werden weitergeleitet an mich, das Personal und die Gäste.“Auf der Suche nach einem geeigneten Namen wurde er ebenfalls schnell fündig: Bis in die Achtziger Jahre beherbergte die Kaiserstraße 132 ein Klavier- und Flügelgeschäft – namens Van Dooren. „Ein paar Tage vor der Eröffnung haben wir die Leuchttafel angebracht. Die Fenster waren noch zugeklebt und wir haben hier gearbeitet. Da kam eine ältere Dame rein und erzählte, dass all das sie an ihre Kindheit erinnerte. Früher schaute sie sich hier als kleines Mädchen Flügel und Klaviere an.“ Sowohl die Wiederbelebung des Namens als auch das Konzept wurden dankbar im Viertel aufgenommen. Nach der Devise „immer alles frisch“ stehen individuelle Gerichte, besondere Kaffeebohnen und qualitativ hochwertige Kuchen – selbstgebacken von Alex‘ Mama – auf der Speisekarte. Klar, dass das Van Dooren inzwischen viele Fans hat: „Das Beste, was ich gehört habe, kam vom Sohn eines befreundeten Paares. Als er gefragt wurde, wo der Schillerplatz ist, sagte er: Der Schillerplatz ist am Van Dooren. Das fand ich extremst cool.“

Nicht alles ist immer Gewinn“

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Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach
Während wir am Glastisch neben der Eingangstür sitzen, kommt eine große, blonde Frau zur Tür herein. „Hallo Nadine“, sagt Alex – und dreht sich zu mir um: „Noch eine Nadine.“ Der Gastgeber ist aufmerksam, hat für jeden ein offenes Ohr. „Ich wollte immer mit meinen Händen arbeiten und mit Menschen zu tun haben“, erzählt der unkonventionelle Chef, und fügt hinzu: „Das ist nicht jedermanns Sache, aber es ist meine.“ Im Van Dooren ist jeder willkommen. Am Abend zuvor, erzählt der 39-Jährige, hat er sein Café für ein Abendessen mit Flüchtlingen zur Verfügung gestellt. Eine Gemeinschaftsaktion mit der Friedenskirche. Das ganze Team arbeitete ehrenamtlich, viele Nachbarn brachten noch Essen zum bereits vorbereiteten Büffet mit. „Nicht alles ist immer Gewinn“, sagt der 39-Jährige, und wirft das Wort „values“ in den Raum: Prioritäten und Werte sind dem Eickener wichtig. Zum Beispiel, indem er denen, die nicht viel haben, einen schönen Abend bereitet – ohne eigene Lobhudelei. Nach eigenen Wünschen gefragt, antwortet er bescheiden: „Du, ich bin zufrieden.“ Eine Sache fällt ihm dann aber doch ein: „Zu meinem vierzigsten Geburtstag mache ich mir ein Geschenk. Und zwar, dass ich mit dem Rauchen aufhöre.“ Bis zum 12. November hat er damit Zeit, nach 20 Jahren Raucherdasein. Welche Methode wohl hilft? „Einfach einen Tag nach meinem Geburtstag keine Zigaretten mehr kaufen. Ich habe keine Methode, es wird hart. Aber es wird klappen.“ Ganz bestimmt. Meine Daumen sind fest gedrückt!