Diandra Mona Böning, Bloggerin, Mentorin, Freigeist

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Diandra im Café, Foto: menscheningladbach / Nadine Beneke

„Die schönste Ecke von Gladbach“

Als ich um die Ecke biege und das Café erreiche, sehe ich Diandra schon von Weitem. Sie trägt eine Lederjacke und einen Rock, ihre roten Haare leuchten warm im Tageslicht. Normalerweise, so erzählt sie mir, kommt sie mit ihrer besten Freundin ins Café. Wir setzen uns an den ihr vertrauten Stammplatz rechts vom Eingang und bestellen zwei Latte Macchiato. Diandra holt tief Luft und sagt, wie aufgeregt sie ist. Ihre blauen Augen strahlen. Die Nervosität ist vollkommen unnötig: Als die 27-Jährige Anfang April einen Beitrag zum Thema Feminismus auf ihrem Blog aussergewoertlich veröffentlicht, bin ich sofort Fan. Einerseits beeindruckt mich der Mut, dieses komplexe und wichtige Thema anzustoßen. Andererseits finde ich ihre ehrliche und tiefe Art zu schreiben toll. Persönlich kenne ich sie bis dahin nur von der Musik. 2013 haben wir zusammen in der Holter Kirche gesungen. Doch zunächst zu Diandras Wurzeln. Auf die Frage, wie lange sie schon in Gladbach wohnt, sagt sie: „Schon immer.“ Über Lürrip, Eicken und Pesch kommt sie vor knapp zweieinhalb Jahren an den Wasserturm. Dort wohnt sie seitdem zusammen mit ihrem Freund: „Ich hoffe, dass ich da noch lange bleiben werde. Das ist die schönste Ecke von Gladbach.“ Auch Udo ist für die junge Frau eine beliebte Anlaufstelle: „Das Sandrad ist einer der wenigen Orte in der Stadt, wo das Publikum so gemischt ist. Wo es egal ist, wie alt du bist und was du für Musik hörst. Du findest da so geile Platten und triffst Leute, die du sonst im Leben nicht triffst. Das mag ich sehr.“

„Texte im Kopf“

Ihren Blog schreibt sie zunächst nur für sich selbst, wie sie erzählt: „Jeder hat eine Sehnsucht, dunkle Sachen rauszulassen. In dem Moment, in dem du schreibst, bist du mit dir alleine. Du hast keine Augen, die dich angucken. Du hast nicht das Gefühl, dich bremsen zu müssen.“ Schnell sind wir uns einig, dass Schreiben eine Art von „Nackt-Sein“ ist. Weil man seine persönlichen Beobachtungen mit der Welt teilt, das Innerste nach außen kehrt. Klingt philosophisch, ist es auch. Zwischendurch müssen wir lachen, weil wir immer wieder abschweifen und froh sind, das schräge Erlebnis des Schreibens teilen zu können. Diandra lässt sich Zeit mit den Antworten, überlegt und bemerkt: „Das ist meine Art, Leuten zu zeigen, wie ich Sachen sehe. Eine Freundin hat mir gesagt, ich würde auf Sachen achten, die ihr nie auffallen würden. Da habe ich gedacht: Schön, dass ich es ihr erzählen kann.“ Dabei geht es um einen Raben, Neid, Edith Piafs „Je ne regrette rien“ oder um die wiederentdeckte Liebe zum Singen. Sehr persönlich gestaltet Diandra ihre Beiträge, die zum Nachdenken anregen und das Leben mit einem etwas wärmeren Licht beleuchten. Die Themen sucht die junge Frau deshalb auch nicht auf klassische Weise aus, sie passieren ihr einfach. Unterwegs fallen Diandra Dinge auf, die berühren – und prompt hat sie „Texte im Kopf“. Gelassen sagt sie: „Das ist so ein Selbstläufer.“ Dazu gehört auch, dass fest vorgenommene Inhalte nicht unbedingt ein Thema bleiben: „Ich wollte letztens über Loyalität schreiben, weil es mir auf der Seele brannte. Ich fand die Idee davon so toll, hatte aber überhaupt keine Gedanken dazu. Dann hab‘ ich es gelassen.“

Akustik Session im Blauen Haus
Akustik Session im Blauen Haus, Foto: N.E.B. Fotografie & Bildbearbeitung

„Meine Jam Session ist das Wohnzimmer“

Angefangen, ihre Texte öffentlich zu machen, hat die ausgebildete Mentorin für Soziales und Gesundheitswesen 2012 bei nachtaktiv. Dort las sie eine Kurzgeschichte über eine Disconacht vor. Das positive Feedback motivierte sie, weiterzumachen. Überhaupt ist die Nacht etwas, das Diandra umtreibt: „Ich trinke nicht viel Alkohol, aber ich liebe die Stimmung. Weil sie so ehrlich ist, so rau. Man merkt, was die Menschen gerne wären. Oder was sie verstecken. Das erzeugt bei mir Bilder und Geschichten. Ich hatte mal eine Zeit, da bin ich jede Woche zusammen mit einem Freund nach Duisburg gefahren ins Pulp. Und hab mich einfach hingesetzt und die Leute beobachtet.“ Auch auf der Waldhausener Straße gibt es allerlei zu sehen. Seit der Gründungssitzung 2009 ist die 27-Jährige Mitglied und engagiert sich im Blauen Haus und im Atelier. Über die Anfänge berichtet Diandra: „Mit einem Schlag warst du von Menschen umgeben, die Bock auf Kunst, Kultur und Musik hatten.“ Neben dem Studium in Bielefeld hilft sie deshalb im Atelierbetrieb und organisiert seit 2013 die Akustik Session im Blauen Haus. Sie strahlt über das ganze Gesicht, wenn sie über ihr Projekt spricht: „Meine Jam Session ist das Wohnzimmer. Wir sind manchmal zu viert und haben Abende, an denen wir uns vor allem unterhalten. Das sind dann Gespräche mit Leuten, die total unterschiedlich sind. Manchmal sind wir aber auch zwanzig Leute und es ist so laut, dass einem fast die Ohren platzen. Das ist cool. Das macht es für mich aus.“

„Ich find mich manchmal spießig“

Die Begegnung mit Menschen ist es, die Diandra auch in ihrem Job als Mentorin für Soziales und Gesundheitswesen fasziniert. Im Rahmen ihres Studiums verbrachte sie viel Zeit in Bethel. „Das ist ein krasser Teil von Bielefeld“, sagt sie, und fährt fort: „Da laufen ganz viele Menschen mit Behinderung rum. Es wird ganz anders miteinander gelebt. Das hat mir beigebracht, Leute nicht in Schubladen zu schmeißen. Und dass es völlig cool und normal ist, wenn Menschen mit Behinderung in Restaurants arbeiten und wie einfach das umzusetzen ist.“ Diandra selbst passt auch in keine Schublade und bemerkt selbstkritisch: „Ich erfahre gerade so viele Sachen über mich. Ich find mich manchmal so spießig.“ Jemand, der seine Kreativität auf so unterschiedliche Art auslebt und so einen offenen Geist hat, ist allerdings alles andere spießig. Das beweist auch Diandras außergewöhnlicher Stil, den sie selbstironisch beschreibt. Frage: „Wie würdest du deinen Stil beschreiben?“ Diandra: „Unten offen. Oh Gott, das hört sich unanständig an. Ich trage fast nie Hosen. Und ich mag halt gerne auffallen. Aber nicht genug, um das zu tragen, was alle mögen.“ Sie schwärmt von 50er Jahre-Mode, von Paketen, die ankommen und darauf warten, ausgepackt zu werden und von Ebay. Auf ihre leuchtenden Haare angesprochen, verrät sie: „Die habe ich schon mindestens sechs Jahre. Ich war vorher immer das Mädchen, das zwischen den ganzen Punks stand und die Haare hellblond hatte. Ich habe alles ausprobiert außer Schwarz. Aber ich glaube, das bin ich. Witzigerweise sprechen mich sehr viele Rentnerinnen an und fragen, von welcher Marke mein Haarton ist.“ Soviel sei verraten: Die Farbe ist von L’Oréal. Wer mehr von Diandras Stil, ihren feinen Gedanken und Beobachtungen lesen möchte, sollte dringend auf aussergewoertlich vorbeischauen. Auch auf Facebook.

Udo Eilers, Zum Sandrad

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Udo, Foto: Luisa Sole / Lulugraphie

„Alles schon passiert“

Schon durchs Fensterchen der Holztür sehen wir Udo an seiner Theke sitzen. Er trägt ein Holzfällerhemd und bereitet sich fast meditativ mit lauter Musik auf den Abend vor. Wir klingeln. Nichts geschieht. Wir klingen ein zweites Mal. Es surrt. Wir treten ein. Udo spritzt auf und verschwindet hinter der Theke. Mit unverkennbarer, dunkler Stimme fragt er: „Was kann ich euch zu trinken machen?“ Sofort kommt ein heimeliges Gefühl auf. Mit grazilen Bewegungen nimmt er Gläser zur Hand, befüllt sie mit Cola und Apfelschorle und stellt sie uns hin. „Ich habe schon zwei Mal angerufen“, sage ich, „wegen des Interviews.“ Er erinnert sich und sagt: „Du schreibst über Menschen in Gladbach? Da ist doch schon alles geschrieben.“ Vor 37 Jahren habe bereits jemand einen „sehr unterhaltsamen“ Artikel über ihn verfasst. Er scheint sich zu erinnern und schmunzelt kurz. Dann fügt er hinzu: „Es ist eigentlich alles schon passiert.“ Ich hoffe inständig, dass das nicht das Ende des Interviews ist – und bleibe sitzen.

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Raucher aus Leidenschaft, Foto: Luisa Sole / Lulugraphie

„Da krieg‘ ich die Krise“

Nach einer Weile nimmt Udo wieder auf dem Hocker neben mir Platz. Um kurz vor zehn sind meine Begleiterin und ich noch die einzigen Gäste. „Jetzt könnt‘ et langsam losgehen“, meint Udo – und fängt an zu erzählen: „Man sagte mir, ich sei der Wirt, der am längsten in der Altstadt ist.“ Im April werden es 37 Jahre. „Günther Netzer hat bei mir verkehrt. Grimmepreisträger, Ingo Appelt und Stefan Effenberg“, erzählt er. Zuvor leitete Udo fünfeinhalb Jahre eine „American Cocktail Bar“, das Karoo am Buscherplatz. Eine Klingel gab es hier in der Sandradstraße von Anfang an. „Mit Respekt ist das wunderschön“, sagt Udo – und formuliert es kurz darauf noch einmal drastischer: „Wenn jeder Arsch reinkommt, das geht gar nicht.“ Er verschwindet wieder hinter der Theke, durchsucht seine Musikschätze und legt behutsam eine Kassette ein. Tracy Chapman singt „Talkin‘ ‚bout a revolution“ und Udo deutet auf den Kassettenstapel im Regal: „Alles selbst zusammengestellt. Nix gekauft.“ Nach der Anzahl gefragt, antwortet der 69-Jährige: „Bei 750 habe ich aufgehört zu zählen.“ Aus über 1400 LPs von 1958 aufwärts bastelt der Gladbacher seine Mixtapes. Inzwischen auch Mix-CDs. Er sagt: „Ich liebe Musik. Musik ist grenzüberschreitend.“ Rock, Jazz, Hardrock und Blues haben es ihm angetan. „Was ich nicht mag, ist Rap. Da krieg‘ ich die Krise.“ Auch Free Jazz sei im Sandrad schwierig, meint er: „Das kannste nur zu Hause hören, da fällt einem ja das Bier aus der Hand.“

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Mit Ruhe und Bedacht: Udo, Foto: Luisa Sole / Lulugraphie

„Tolle Atmosphäre“

Zur Gastronomie kam Udo durch Zufall. Zunächst arbeitete er als Musterzeichner für Stoffe. „Das ist aber alles den Bach runtergegangen.“ Danach bewarb er sich mit einer Mappe bei Schwann in Düsseldorf – und bekam als Farbretouscheur und Layouter fortan das doppelte Gehalt. Später machte er sich selbstständig und arbeitete im eigenen Studio unter anderem für Gruner und Jahr: „Schöner Wohnen und der Stern, das waren unsere zwei Knaller“, erinnert sich Udo. Anfang der Siebziger ging er gerne aus, kellnerte zwischendurch in der Mieze in Düsseldorf. Sein Lieblingslokal aber war das Karoo in  Hermges. Als die Bar verkauft werden sollte, sagte Udo kurzerhand: „Dann übernehm ich das.“ Er legte los – und war verzaubert. „Diese Atmosphäre war toll! Verschiedene Leute, Intellektuelle, viele Kulturen.“ 1979 zog er an den wohlbekannten Standort um, „weil das zentraler war“. Es klingelt, und drei junge Männer treten ein. Udo zapft das gewünschte Bier mit Seelenruhe und vorbildlicher Schaumkrone. Zwischendurch verschwindet er hinter einer Schiebetür mit RY- und „Farbe bekennen, Rassismus ächten“-Aufklebern – dem Vorratsrraum. Geboren ist Udo in der Neustraße, und damit ein „Rheydter Jung“, wie er erzählt. Fragt man ihn, ob er Kinder hat, sagt er: „Ihr seid alle meine Kinder!“ Klar ist, die Atmosphäre, die er selbst beim Ausgehen bewundert hat, vermittelt er im Sandrad allemal. Mit seiner Art, der urigen Einrichtung, Kerzenschein und leckerem „Schmunzelsüppchen“ (Alt). Und ja, natürlich auch mit seiner Frisur.

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Sandrad und Udo sind einzigartig, Foto: Luisa Sole / Lulugraphie

„Nicht getönt, nicht gefärbt“

Auf diese angesprochen, sagt er trocken: „Ich bin so geboren worden. Naja, fast.“ Udos Augen leuchten beim Erzählen und er fügt hinzu: „Nicht getönt, nicht gefärbt. Das habe ich von meiner Mama geerbt.“ Zehn Minuten braucht er im Bad. Die Frisur richtet er mit der Rundbürste. Er gestikuliert ein bisschen wie ein Dirigent und erzählt: „Gleich kommt noch meine Freundin. Das kannste hier nicht alleine machen am Wochenende.“ Sonntags und montags bleibt das Sandrad geschlossen: „Man braucht ja auch ein bisschen Privatsphäre.“ Inzwischen sind ein paar Leute mehr eingetrudelt. Ein Mann, der auf seinem Smartphone herumtippt, und eine Frau. Diese begrüßt Udo mit einem schmissigen „Sei gegrüßt! Jacky?“ Die Frau nimmt heute ein Weizen, welches der Wirt sofort mit sensationeller Krone serviert. Udo schmeißt seinen eigenen Turbo an und huscht von Gast zu Gast, für jeden ein freundliches bis ermahnendes Wort auf den Lippen. Zu laute Gäste beispielsweise werden schon mal mit beschwichtigender Geste und den Worten „Macht mal Piano“ bedacht. Heute ist Udo aber sehr beschwingt und schnipst und wippt zu erklingenden Reggae-Rhythmen. „Gladbach ist ein Dorf geworden“, ruft er mir zu. „Früher wäre um diese Uhrzeit draußen eine bunte Menschenmasse gewesen.“ Deshalb lässt er seinen Laden auch an allen Tagen so lange offen, wie die Leute kommen. Verschmitzt sagt er: „Damit die Studenten noch was zu erzählen haben.“ Auch wenn Freunde ihm inzwischen ein Notfallhandy besorgt haben, „falls mal was sein sollte“ und zwischendurch der Notdienst anruft, um zu hören, ob im Sandrad alles in Ordnung ist – Udo denkt noch lange nicht ans aufhören. Oder wie er sagt: „Meinen Sarg hab ich noch nicht bestellt.“ Mehr noch: Als er gefragt wird, ob er die 40 Jahre noch voll machen will, antwortet er trocken: „Drei Jahre sind doch nix!“ So ein Glück.

Zum Sandrad, Sandradstraße 9, Mönchengladbach

Dienstag bis Samstag: 21 Uhr – Ende offen

Alle wundervollen Fotos dieser Geschichte hat Luisa Sole, die auch auf meinem Blog zu finden ist, beigesteuert. Tausend Dank!❤

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Auf Udo! Foto: Luisa Sole / Lulugraphie

Neues Jahr, neues Glück – und jetzt kommt ihr!

Blog
Prosit aufs neue Jahr!❤ Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach

Da ist es also, dieses 2016. Momentan befinde ich mich noch ein wenig im Winterschlaf und plane, was das Jahr so bringen soll. Neben einer Reise nach Krakau habe ich mir vorgenommen, wieder in den 10 Kilometer-Trainingsplan einzusteigen, glücklich zu sein, Konfetti zu verstreuen und mehr zu tanzen.🙂

Viele Ideen für tolle Portraits habe ich außerdem. Ganz alleine entscheiden möchte ich aber nicht. Es gibt schließlich viele großartige Gladbacher, die ich (noch) gar nicht kenne. Deshalb seid ihr gefragt: Wen wollt ihr unbedingt hier sehen? Wer hat es sowas-von-verdient, der Öffentlichkeit vorgestellt zu werden? Weil er/sie euer Held, eure große Liebe, sozial/kulturell/sonstwie engagiert ist? Oder für euch einfach wunderbar? Schreibt mir gerne eine Mail oder schickt mir eine Nachricht auf Facebook. Ich freue mich auf euren Input. Auf dass das neue Jahr ein gutes und positives wird.❤

Eure Nadine

Sophie Knops, Musikerin 

Strahlt mit dem Tannenbaum um die Wette: Sophie; Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach

Zupfinstrumentebauerin 

Wieder im Van Dooren. Wieder bei einem Chai Tee mit Milch. (Und nein, ich mache wirklich keine Schleichwerbung!) Auch meine heutige Interviewpartnerin hat sich den warmen Rückzugsort am Schillerplatz als Treffpunkt gewünscht. Das Café erreicht sie fußläufig von zu Hause aus. Das erste Mal getroffen habe ich Sophie Knops in einem Krefelder Irish Pub. Ihre Stimme, die Tiefe ihrer Musik und ihr sehr eigenes, filigranes Gitarrenspiel haben mich direkt beim ersten Konzert begeistert. Deshalb traf ich die damalige Schülerin wenig später zum Interview im Eiscafé am Vitus Center, um mehr über ihre Musik zu erfahren. Heute, zwei Sophie-Alben, viele Auftritte und drei Jahre später, kommt die Gladbacher Singer/Songwriter-Slam-Gewinnerin von 2012 mit einem Blazer durch die Tür, lacht und erklärt das schicke Outfit mit: „Du willst ja bestimmt ein Foto machen.“ Die 18-Jährige hat im Sommer die Schule mit dem Abi abgeschlossen und ist seit August Auszubildende. Der Beruf, den sie sich ausgesucht hat, passt zu ihrer Leidenschaft: „Zupfinstrumentebauerin. Manchmal muss ich das Wort tausend mal wiederholen, weil die Leute nicht wissen, was das ist. Ich könnte auch sagen Gitarrenbauerin. Aber wir bauen halt nicht nur Gitarren“, erklärt sie.

„Viel praktisches Gedöns“

Bässe, Mandolinen, Ukulelen, Zithern, Harfen, Gitarren und viele weitere Saiteninstrumente werden in der Schwalmtaler Werkstatt von Helmut Stauder gebaut. Für Sophie bedeutet das „viel praktisches Gedöns“. Im Klartext: Schleifen, Feilen, aber auch technisches Zeichen. Letzteres lernt sie ab Januar in der Berufsschule im bayerischen Mittenwald. So manche Blessur an der Hand zog sich die 18-Jährige bei der handwerklichen Arbeit schon zu. „Einmal habe ich mir die Haut auf der Handoberflache abgeschabt“, sagt sie und ich bekomme Gänsehaut. Schnell zurück zu den Instrumenten: Ihr erstes Projekt war ein Dulcimer. Als ich erst pseudo-wissend nicke und dann doch fragen muss, was das ist, erklärt Sophie lachend: „Das ist ein Brett mit einem Griffbrett drauf. Die Bünde sind nicht so eng wie auf der Gitarre. Das Instrument kommt ursprünglich aus Nordamerika. Und man spielt es auf dem Tisch oder auf dem Schoß.“ Momentan arbeitet sie an einem Bass für ihren Freund und darf bald auch eine E-Gitarre für sich selbst bauen. Gelandet ist Sophie bei Helmut, der sie väterlich in die Kunst des Instrumentebaus einweist, durch einen Tipp von André Sole Bergers (MG KITCHEN TV). Nach einem Schul-Praktikum und Ferienjobs in der Werkstatt kam sie eines Tages nach Hause und verkündete: „Das ist, woran gerade mein Herz hängt. Warum sollte ich das nicht machen?“ Gesagt, getan.

Foto-Session vor dem Tannenbaum; Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach

„Richtig cool“

Jeden Morgen setzt sich Sophie nun ins Auto und fährt nach Schwalmtal in die Werkstatt, „ziemlich auf dem Feld, am Arsch der Welt.“ Chef Helmut, der Stauder-Bier-Verwandte, hat übrigens keine eigene Homepage. Werbung findet lediglich durch Mund-zu-Mund-Propaganda statt. Längst hat sich die Werkstatt als Institution für den Niederrhein etabliert. Eine große Motivation für Sophie ist, sich irgendwann eine akustische Gitarre bauen zu können: „In zwei Jahren, wenn ich die Ausbildung fertig, ein paar Sachen wie Schleifen oder Feilen besser drauf habe, und ein bisschen mehr Gefühl für das Holz, werde ich mich an die akustische Gitarre heranwagen. Die soll dann ja auch richtig cool werden.“ Richtig cool passt dann nur zu gut zu Sophies Musik, die sie im Schnitt drei Mal im Monat live spielt. Bevor sie ihre Leidenschaft für Zupfinstrumente entdeckte, lernte Sophie im Kindesalter bei Herrn Kerkeling an der Mönchengladbacher Musikschule Klavier. Wie die 18-Jährige verrät: „Das ist der Cousin von Hape Kerkeling – Burkhard.“ Inzwischen plant die Songwriterin ihr drittes Album, büffelt in ihrer Freizeit Musiktheorie und spielt in einem neuen, soulig-funkigen Projekt E-Gitarre.

„Meine zweite Leidenschaft“

Nur ein anderes Hobby hätte der Musik übrigens noch Konkurrenz machen können: „Meine zweite Leidenschaft ist der Fußball“, erzählt Sophie und fügt wie nebenbei hinzu: „Ich habe auch mal bei Gladbach gespielt.“ Im Kindesalter trainierte sie von 2006 bis 2008 bei Borussia und absolviert das Nationalmannschafts-orientierte Programm voller Motivation: „Mir hat das unheimlich Spaß gemacht. Ich habe viel gelernt. Das ist bis heute noch alles in meinem Kopf.“ Als sie dann in die fünfte Klasse kommt, viele ihrer Freunde sich in andere Vereine verabschieden und Bänderrisse folgen, entscheidet sie sich gegen den Fußball und für die Musik. Die Spiele der Borussia verfolgt sie natürlich noch immer regelmäßig. Dennoch dürften alle Zuhörer der gleichen Meinung sein: eine gute Entscheidung, statt Sport Musik zu machen! Nach ihren Wünschen für 2016 gefragt, sagt die junge Frau nur: „Glücklich sein.“ Das kommende Album soll übrigens nach „mehr Fingerstyle“ klingen und „den Fokus auf der Gitarre“ setzen. In diesem Sinne: 2016 kann kommen.❤

Myriam Topel, Fotografin

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Myriam Topel in ihrem Studio, Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach

„Wie eine Geisteskranke gearbeitet“

Bereits bei meinem ersten Interview für den Blog erzählte mir Luisa, wie vielseitig kreativ ihre Kollegin Myriam Topel ist. Ich kannte die Fotografin bis dahin nur von sehr netten Mails, die wir in regelmäßigen Abständen in Sachen Greta- oder Claus-Markt ausgetauscht hatten. Die Märkte veranstaltet sie, zusammen mit Nicole Schlürensauer, bereits seit 2008. Vor gut zwei Wochen durfte ich die quirlige 39-Jährige, die von allen My (ausgesprochen Mü) genannt wird, das erste Mal persönlich treffen und ihr jede Menge Fragen stellen. An der Wohnungstür begrüßt mich zunächst Myriams Freund André und nimmt mich in Empfang. Kurz darauf stürmt auch die blonde Frau in die Wohnung. Noch bis kurz vor unserem Treffen liefen die Vertragsbesprechungen für den diesjährigen Standort des Claus-Markts, den SMS Businesspark. „Eigentlich wollte ich doch Schnittchen machen“, ärgert sich Myriam und kocht mir sofort einen sehr leckeren Yogi-Schokoladen-Tee. Ich frage sie, wie sie eigentlich in der Kreativbranche gelandet ist. „Weil meine Mama wollte, dass ich was Vernünftiges mache, habe ich eine Ausbildung im Reisebüro gemacht. Ich bin gelernte Reiseverkehrskauffrau“, erzählt sie. Dann jedoch fällt ihr während der Ausbildung ein Sprachreisekatalog in die Hände, und Myriam fasst einen Entschluss: „Ich wollte immer schon nach Australien reisen. Dann habe ich während meiner Ausbildung wie eine Geisteskranke nebenher gearbeitet und mir das nötige Geld zusammengespart.“ Viereinhalb Monate bleibt sie in Down Under, lernt die Sprache, bereist das Land und stellt fest: „Ich muss was Kreatives machen.“

„Ich brauche die Emotionen“

Wieder in Mönchengladbach angekommen, entscheidet sie sich für einen Neustart. Myriam folgt dem Rat einer Freundin, die als Tänzerin am Theater arbeitet, und bewirbt sich für ein Praktikum beim Theaterfotografen. „Fotografie hat mich schon immer interessiert“, sagt sie. Ihre Bewerbung hat Erfolg: Ein Jahr lernt sie am Theater, hängt ein weiteres Praktikum bei einem Fotokünstler und beim Film dran und lernt so verschiedene Bereiche kennen. 2004 macht sie sich selbstständig. Zunächst darf sie noch das Studio ihres ehemaligen Chefs im Theater nutzen, „was großartig war“. Vier Jahre später dann sucht ihr Kumpel Ulf einen Standort für seinen Skateboard-Shop. Die Ladenfläche reicht für Zwei, Myriam bezieht ihr erstes eigenes Studio in der Goethestraße. Inzwischen ist sie bereits seit sieben Jahren dort. „Beim Fotografieren steckst du unfassbar viel von dir selber rein. Diese Akkus musst du auch wieder aufladen. Ich mit mir alleine vorm Rechner ist dann Meditation“, beschreibt sie die verschiedenen Facetten ihrer Arbeit. Nach ihren Lieblings-Motiven gefragt, antwortet die 39-Jährige wie aus der Pistole geschossen: „Menschen.“ Und fügt hinzu: „Ich brauche die Emotionen.“ Eine Ausnahme macht die Gladbacherin aber in regelmäßigen Abständen – für Poppy.

 

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Poppy auf Madeira, Foto: Myriam Topel

„Alles muss sitzen“

Poppy stand schon auf dem Hollywood-Stern von Marlene Dietrich, trägt mal knappe, mal pompöse Outfits, guckt meist sehr ernst – und ist ziemlich gelenkig für eine Puppe. Wie Myriam auf die Idee kam, eine gelenkige Barbie fotografisch in Szene zu setzen? „Eine Zeit lang bin ich super gerne alleine in den Urlaub gefahren. Dann verband sich das so. Ich habe die Puppe genommen und egal vor welchen Szenarien fotografiert. Anfangs dilettantischer. Aber irgendwann habe ich das auf die Spitze getrieben.“ Inzwischen sucht die Fotografin einzelne Outfit-Teile aus und schickt der portugiesischen Schneiderin ihres Vertrauens („Sie ist eine wahre Künstlerin.“) Wunschkleider, die diese dann originalgetreu umsetzt. Selbstverständlich ist Poppy auch als Model auf den Greta- und Claus-Plakaten zu sehen. „Im Prinzip ist das Produktfotografie“, sagt Myriam, und erklärt mir: „Wenn du bei einer Puppe eine Momentaufnahme machst und ein Haar hängt ihr vors Gesicht, dann ist das nicht so einfach wegzuretuschieren wie bei einem Menschen. Alle Arme, die Haare, der Kopf und das Kleid müssen vernünftig sitzen.“ Auf Madeira durfte Poppy einmal mehr ihr Können zeigen. Passend zum diesjährigen Seemannsthema von Claus.

„Mega-Glücksgriff“

Das Motto des winterlichen Markts war in diesem Jahr weniger das Problem. Vielmehr suchten Nicole und Myriam verzweifelt nach einer Location. Das TiN (Theater im Nordpark), der Veranstaltungsort des Vorjahres dient inzwischen als Herberge für Flüchtlinge, auch alle anderen Optionen erledigten sich schnell: „Selbst die Kaiser-Friedrich-Halle ist zu klein. Event-Hangar und Kunstwerk. Alles zu klein“, sagt Myriam. Nach einer kurzen Phase der Verzweiflung, eilte dann die Rettung herbei: „Herr Jansen hat die SMS-Halle aus dem Hut gezaubert“´, strahlt die 39-Jährige und bezeichnet den Mann von der Entwicklungsgesellschaft der Stadt Mönchengladbach als „persönlichen Superliebling“ der beiden Organisatorinnen. Nachdem sie die Veranstaltung 2008 zunächst als Dreiergespann mit Myriams Nachbarin Desiree Rose begannen, planen Nicole und Myriam inzwischen als Duo. Die Märkte erfordern inzwischen eine Menge Organisation, wie Myriam erzählt: „In Teilen im Jahr hast du zwei Jobs, komplett.“ Deshalb hat sich Desi aus dem Veranstalter-Part zurückgezogen, kümmert sich aber nach wie vor um die kreative Gestaltung der Flyer und Plakate. Ihre Markt-Partnerin Nicole nennt sie einen „Mega-Glücksgriff“ und erklärt die Rollenverteilung: „Sie ist der Finanzminister und ich bin primär für die Ausstellerbetreuung zuständig.“ Das System funktioniert. Waren es 2008 gerade einmal 18 Aussteller („und drei davon waren wir“) im Kolpinghaus, stellen heute „eher 140 als 130“ Kreative ihr handgemachten Spielsachen, Accessoires, Schmuck- oder Möbelstücke aus. Die Grundidee basiert auf dem Holy Shit Shopping aus Berlin. Die Deko und die familiäre Atmosphäre haben sich jedoch längst als Alleinstellungsmerkmale von Greta und Claus herauskristallisiert. Angebote aus anderen Städten lehnen Nicole und Myriam übrigens beharrlich ab: „Das kommt für uns nicht in Frage. Claus und Greta wohnen hier.“ Überhaupt hat sich für die Fotografin in letzter Zeit in Gladbach einiges gewandelt: „Wenn du dich vor ein paar Jahren noch allein auf weiter Flur gefühlt hast, alle haben geschimpft und du hast dir den Mund fusselig geredet, ist es heute halt ‚Gagong‘.“ Mit einem Klopfen auf ihr Herz zitiert Myriam damit das Herzklopfen aus Dirty Dancing. Mein Herz geht auf. Gagong.

Der Claus-Markt findet dieses Jahr am 12. und 13. Dezember im SMS Businesspark statt.

Sollte schon jetzt jemand eine Idee für eine tolle Location 2016 (ab 2000 m², in Mönchengladbach) haben – bitte meldet euch bei Myriam und Nicole.

 

Torsten „Knippi“ Knippertz, Stadionsprecher bei Borussia Mönchengladbach 

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Stadionsprecher, Schauspieler und Moderator Torsten „Knippi“ Knippertz, Foto: Myriam Topel*
„Sauwohl“

Während mein Tee vor sich hindampft, kommt Torsten „Knippi“ Knippertz ins Van Dooren. Bereits im vergangenen Jahr durfte ich den großgewachsenen 45-Jährigen in der Kulturküche interviewen. Heute stehen wieder viele Fragen auf meiner Liste. Los geht es also: Geboren und aufgewachsen ist der Stadionsprecher in Mönchengladbach, erzählt er mir: „Dann habe ich eine kurze Runde gedreht. Ein paar Jahre in Köln, ein paar Jahre in Berlin und München. Seit ungefähr acht Jahren wohne ich wieder hier.“ Zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter lebt Torsten am Schillerplatz und fühlt sich „sauwohl“. Mit 26 beginnt er seinen Ausflug durch Deutschland, absolviert Stationen wie Radio Köln, EinsLive oder Radio Energy München. Außerdem ist er in Serien wie „Unser Charly“ oder „Mord mit Aussicht“ als Schauspieler zu sehen. Im kommenden Jahr spielt er einen FIFA-Pressesprecher im Kinofilm „Der 90 Minuten Krieg“. Regelmäßige Moderationen für n-tv, SPORT 1 und die Kulturküche stehen in seinem Wochen- und Monatsplan. „Das Fußballerische richtet sich natürlich nach dem Spielplan von Borussia Mönchengladbach“, sagt er. Wenn man ihn fragt, welche seiner Aufgaben ihm am meisten Spaß macht, kommt die Antwort prompt und mit einem großen Lächeln im Gesicht: „Herzensmäßig ist Borussia ganz weit vorne, zusammen mit der Schauspielerei.“

„Isch bin bereit“

1999 beginnt „Knippi“ als Stadionsprecher am Bökelberg. Ein WG-Kumpel überredet ihn damals mit den Worten: „Du bist Gladbach-Fan, du kannst drei Sätze geradeaus reden. Bewirb dich doch.“ Gesagt, getan. Nach einem Treffen mit dem Pressesprecher, den Torsten „über drei Ecken“ kennt, ist die Sache klar. Er löst Carsten Kramer ab, „der heute im Marketingvorstand von Borussia Dortmund sitzt.“ Nach zwei Jahren als Bökelberg-Sprecher pausiert Torsten aus beruflichen Gründen, dreht seine Runde durch Deutschland. Als 2006 Matthias Opdenhövel als Stadionsprecher aufhört, bekommt er den wichtigen Hinweis von einem Fan. Er schreibt dem VfL eine Mail mit nur einem Satz: „Isch bin bereit.“ Eine gute Entscheidung, sich Richtung Heimat zu orientieren: Bei der Stadioneröffnung 2004 lernt er seine große Liebe kennen, mit der er heute in Eicken wohnt. Nach ein paar Jahren Fernbeziehung entschließt er sich für die Rückkehr nach Mönchengladbach, wie er ruhig erzählt. Hier und da wird Knippi, der immer wieder ins lustige Niederrheinische verfällt, ganz ernst. Das ist auch der Fall, wenn er über seine Aufgabe im Stadion spricht: „Ich sitze direkt am Spielfeldrand und bekomme die Reaktionen hautnah mit. Das ist natürlich ein echtes Geschenk für jemanden, der Fußball liebt.“

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Im Stadion eher deeskalierend: Knippi, Foto: Lars Henning Schröder*
„Borussia hat mich geheilt!“

Sein erstes Stadionerlebnis kann er noch genau beschreiben: „Bei meinem ersten Spiel 1979 haben sie gegen den HSV gespielt. 1:1. Aber es war, auch wenn Borussia nicht gewonnen hat, ein Wahnsinnserlebnis. Da war einer in der Kurve, der hatte Krücken dabei. Und als das Tor für Gladbach fiel, schmiss er die Krücken weg und rief: ‚Borussia hat mich geheilt!‘ Das fand ich als Neunjähriger total faszinierend. Bis ich dann mitbekommen habe, dass er das bei jedem Spiel gemacht hat.“ Beim SC Hardt und beim SC Rheindahlen spielt Torsten in der Jugend. Bei den Senioren wieder beim SC Hardt. „Das ist mein Verein und mein Heimatort, in dem ich aufgewachsen bin“, sagt er. „Zu mehr als Bezirksliga hat es aber nie gereicht“, erzählt Knippi. Dennoch hat er sein Hobby zum Beruf gemacht. Am Spielfeldrand muss der 45-Jährige sich an das vom DFB herausgegebene Handbuch für Stadionsprecher und Platzansager halten. Eigens dafür wurde für die deutschen Fußballsprecher aller Himmelsrichtungen eine Schulung initiiert. Seitdem findet ein regelmäßiger Austausch statt: „Der Stadionsprecher von St. Pauli hat vor drei Jahren eine Initiative gestartet und alle Stadionsprecher angeschrieben, wie denn die einzelnen Spieler ausgesprochen werden. Daraufhin hat sich dann ein E-Mail-Verteiler gebildet. Jetzt ist geplant, dass wir uns in der Winterpause in Berlin mal auf ein Bierchen treffen.“ Allen gemein ist das Ziel der Deeskalation: „Zum Beispiel steht im Handbuch, dass man nicht sagen soll: ‚Wir begrüßen unseren heutigen Gegner‘, sondern ‚Wir begrüßen unseren heutigen Gast‘.“ Im BORUSSIA-PARK sind die Rollen klar verteilt zwischen Stadionsprecher Knippi und Sicherheitssprecher Herrmann Schnitzler, wie Torsten erzählt: „Herrmann ist dafür zuständig, wenn es ernst wird.“ So wie am vergangenen Samstag, als die Schweigeminute verlesen wurde.

Freudentaumel in der Spielertraube

Bei aller Deeskalation und dem Respekt vor den Gästen: „So ganz kann man die Emotionen trotzdem nicht abschalten.“ Nach seinen Lieblingsanekdoten von der Bank gefragt, antwortet er: „Im Jahr, als Borussia abgestiegen ist, war ein sehr wichtiges Spiel gegen Werder Bremen. Kurz vor Schluss fiel das zwei zu zwei, das noch Hoffnung gegeben hat. Da war ich so im Jubel, dass ich mich auf einmal auf dem Spielfeld im Sechzehner nahe der Spielertraube wiedergefunden habe.“ Die Folge ist ein Rüffel vom vierten Offiziellen und ein Eintrag in den Spielbericht. Neben dem Freudentaumel hat Knippi aber auch schon wahrsagerische Fähigkeiten bewiesen. So kündigt er den Wechsel eines ehemaligen Spielers folgendermaßen an: „Hier kommt die Nummer 16, der Torschütze des nächsten Tores – Rob Friend.“ Nach ein paar Sekunden trifft dieser tatsächlich. Apropos Wahrsagen: Wie sieht es eigentlich mit Zukunftswünschen aus, persönlich und für die Borussia? – „Dass ich gesund bleibe. Dass meine Familie gesund bleibt. Das ist das Allerwichtigste. Und dass ein Mittel erfunden wird, das man ohne Bedenken anwenden kann für mehr Haarwuchs. Und wenn man mal in Utopien schwelgen darf, wünsche ich mir noch irgendeinen Titel, gerne auch einen großen.“ Da wünsche ich mit. Und drücke die Daumen für das Zaubermittelchen!🙂

Falls ihr noch mehr über Knippi erfahren wollt – hier geht es zu seiner Homepage. 
* Normalerweise knipse ich die portraitierten Menschen in Gladbach selbst. Das Licht im Van Dooren war allerdings so gemütlich, dass mein bescheidenes Equipment nicht mitgemacht hat. Deshalb diesmal sehr hübsche Profi-Fotos! Danke, Myriam und Lars!

Alex Kiourtzidis, Van Dooren

Alex an einem original Van Dooren-Klavier in seinem Laden
Alex an seinem original Van Dooren-Klavier, Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach
Nicht der klassische Typ Chef“

Am Wochenende gehe ich oft ins Van Dooren. Egal ob fürs Frühstück mit Joghurt und frischen Früchten oder doch auf ein Club-Sandwich – das Essen ist bombig gut, die Stimmung entspannt und der Laden eine Perle in jeder Hinsicht: Hohe Decken, riesige Fenster, kuschelige Überwürfe auf den Stühlen und Zeitschriften aller Art laden zum gemütlichen Zurücklehnen ein. Verantwortlich für das wunderbare Café am Schillerplatz ist Alexandros Kiourtzidis, kurz Alex genannt. Als ich mich mit ihm auf eine Maracuja-Schorle und einen Kaffee zum Interview hinsetze, macht der Wahl-Gladbacher mit griechischen Wurzeln mir eines schnell klar: „Ich bin hier zwar die leitende Person. Aber dahinter steht ein ganzes Team. Von der Küche bis hin zu der Dame, die sauber macht.“ Die zwölf Van Dooren-Mitarbeiter haben eine ganz besondere Verbindung, so der 39-Jährige: „Ich betrachte das Team mittlerweile als Familie. Das hat nicht nur damit zu tun, dass meine Mutter und mein Bruder hier mitwirken und arbeiten. Ich bin einfach nicht der klassische Typ Chef.“ Ob Spülen, Abräumen oder Servieren – der dunkelhaarige Mann mit Bart ist sich für nichts zu schade. Und das aus ganz einfachen Gründen: „Weil es mir Spaß macht, weil es mein Laden ist und weil ich auch ein bisschen zeigen will, wie es geht.“

Unfaires Spiel“

Der hübsche Innenraum des Van Dooren
Der hübsche Innenraum des Van Dooren, Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach
So handhabt Alex es nun seit über drei Jahren. Im Juli 2012 zieht er nach Mönchengladbach, einen Monat später eröffnet er das Van Dooren. Geboren und aufgewachsen ist er in Düsseldorf. Sein Vater und seine Mutter, erzählt er, hätten schon immer in der „Gastro“ gearbeitet. Im Alter von 16 Jahren zieht es ihn nach Griechenland, in die Heimat seiner Eltern. Ich frage ihn, ob seine Rückkehr nach Deutschland mit der Krise zusammenhängt und erzähle von einem Fernsehbeitrag, den ich neulich gesehen habe. Dieser dokumentiert, wie ältere Menschen auf den Markt stürmen, um heruntergefallene Waren einzusammeln. Alex nickt und sagt: „Das habe ich nicht nur in einer Doku gesehen, sondern sehr oft live miterlebt. 2012 in Athen. Dieses ganze Spiel, das auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen wird, ist unfair.“ In seinem damaligen Job als Innenarchitekt kommt er deswegen nicht weiter, sieht etliche Freunde arbeitslos werden. Warum es ihn ausgerechnet nach Mönchengladbach verschlagen hat, beantwortet er schnell: „Wegen des Objekts. Als ich das Gebäude und den Laden gesehen habe, habe ich mich direkt verliebt.“

Der Schillerplatz ist am Van Dooren“

Mit eben dieser Liebe richtet Alex den Laden ein, nutzt das helle Licht und den großen, offenen Raum. Ob Tische aus Teekisten oder rot leuchtende Glühbirnen – wer sich umsieht, merkt, dass Alex sein Handwerk als Innenarchitekt versteht. Er sagt: „Der Raum an sich hat sehr viele positive Vibes. Die werden weitergeleitet an mich, das Personal und die Gäste.“Auf der Suche nach einem geeigneten Namen wurde er ebenfalls schnell fündig: Bis in die Achtziger Jahre beherbergte die Kaiserstraße 132 ein Klavier- und Flügelgeschäft – namens Van Dooren. „Ein paar Tage vor der Eröffnung haben wir die Leuchttafel angebracht. Die Fenster waren noch zugeklebt und wir haben hier gearbeitet. Da kam eine ältere Dame rein und erzählte, dass all das sie an ihre Kindheit erinnerte. Früher schaute sie sich hier als kleines Mädchen Flügel und Klaviere an.“ Sowohl die Wiederbelebung des Namens als auch das Konzept wurden dankbar im Viertel aufgenommen. Nach der Devise „immer alles frisch“ stehen individuelle Gerichte, besondere Kaffeebohnen und qualitativ hochwertige Kuchen – selbstgebacken von Alex‘ Mama – auf der Speisekarte. Klar, dass das Van Dooren inzwischen viele Fans hat: „Das Beste, was ich gehört habe, kam vom Sohn eines befreundeten Paares. Als er gefragt wurde, wo der Schillerplatz ist, sagte er: Der Schillerplatz ist am Van Dooren. Das fand ich extremst cool.“

Nicht alles ist immer Gewinn“

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Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach
Während wir am Glastisch neben der Eingangstür sitzen, kommt eine große, blonde Frau zur Tür herein. „Hallo Nadine“, sagt Alex – und dreht sich zu mir um: „Noch eine Nadine.“ Der Gastgeber ist aufmerksam, hat für jeden ein offenes Ohr. „Ich wollte immer mit meinen Händen arbeiten und mit Menschen zu tun haben“, erzählt der unkonventionelle Chef, und fügt hinzu: „Das ist nicht jedermanns Sache, aber es ist meine.“ Im Van Dooren ist jeder willkommen. Am Abend zuvor, erzählt der 39-Jährige, hat er sein Café für ein Abendessen mit Flüchtlingen zur Verfügung gestellt. Eine Gemeinschaftsaktion mit der Friedenskirche. Das ganze Team arbeitete ehrenamtlich, viele Nachbarn brachten noch Essen zum bereits vorbereiteten Büffet mit. „Nicht alles ist immer Gewinn“, sagt der 39-Jährige, und wirft das Wort „values“ in den Raum: Prioritäten und Werte sind dem Eickener wichtig. Zum Beispiel, indem er denen, die nicht viel haben, einen schönen Abend bereitet – ohne eigene Lobhudelei. Nach eigenen Wünschen gefragt, antwortet er bescheiden: „Du, ich bin zufrieden.“ Eine Sache fällt ihm dann aber doch ein: „Zu meinem vierzigsten Geburtstag mache ich mir ein Geschenk. Und zwar, dass ich mit dem Rauchen aufhöre.“ Bis zum 12. November hat er damit Zeit, nach 20 Jahren Raucherdasein. Welche Methode wohl hilft? „Einfach einen Tag nach meinem Geburtstag keine Zigaretten mehr kaufen. Ich habe keine Methode, es wird hart. Aber es wird klappen.“ Ganz bestimmt. Meine Daumen sind fest gedrückt!

Marion Überschaer, Spitzenrheydterin

Marion Überschaer vor ihrem "Lieblings-Leerstand"
Marion Überschaer vor ihrem „Lieblings-Leerstand“, Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach

„Verliebt in diese Stadt“

Bei strahlendem Sonnenschein kommt mir Marion Überschaer auf dem Rheydter Marktplatz entgegen. „Ich bin ziemlich groß und habe kurze braune Haare“ verriet sie mir vor unserem Treffen. Das konnte ich mir gut merken: Ich bin nämlich ziemlich klein und habe lange braune Haare. Dank ihrer Beschreibung, und weil sie fröhlich winkend auf mich zukommt, erkenne ich Marion gleich. Die schlaksige Frau gibt mir die Hand und strahlt. Auf verschiedenen Kanälen bin ich auf ihre Masterarbeit aufmerksam geworden: Die schreibt sie über Leerstände in Rheydt, der Wahlheimat der gebürtigen Freiburgerin. „Die Idee, eine Masterarbeit daraus zu machen, kam mir morgens um sechs Uhr. Und normalerweise bin ich Langschläfer. Aber plötzlich war ich wach und – zack – war die Idee da“, sagt sie und klatscht beim „Zack“ in die Hände. Seit über zehn Jahren lebt Marion in Mönchengladbach. Nach ein paar Schritten bleibt sie kurz stehen: „Mir geht es wie dir. Ich habe mich in diese Stadt verliebt.“

„Hin und her und her und hin“

Die heute 40-Jährige begann mit Mitte Zwanzig ihre „große Umzugsphase“. Vom Breisgau aus führte ihr Weg über München nach Mönchengladbach. Nach einem Bibliothekatsreferendariat in Bayern suchte sie nach Jobs in ganz Deutschland. Die Vitusstadt war ihr vorher – zumindest geographisch – relativ unbekannt: „Ich wusste gar nicht, wo die Stadt liegt. Ganz früher als Kind habe ich mir vorgestellt, dass Mönchengladbach ein Vorort von München ist. Deswegen fand ich es lustig, dass ich genau von München nach Mönchengladbach gezogen bin.“ Hier angekommen kreierte Marion ihre ganz eigene Methode, sich mit der Stadt bekannt zu machen: „Eine Weile habe ich ein Projekt betrieben namens ‚Jedes Wochenende ein Stadtteil‘. Dabei habe ich mir Mönchengladbach mit dem Rad erschlossen. Ich schnappte mir meine Karte und beschloss: Heute fahre ich nach Wickrath. Ich bin dann nur in diesem Stadtteil rumgegurkt. Immer hin und her und her und hin.“ Touren durchs Grüne macht Marion auch heute noch, allerdings kennt sie sich inzwischen bestens aus. Fährt durch die Parks und an der Niers entlang, lebt nahe der Innenstadt von Rheydt und genießt es, „so zentral zu wohnen“. Neben der Lage und der Verbundenheit zur Stadt spricht übrigens auch der finanzielle Aspekt für ihre neue Heimat: „Jetzt wohne ich in einer Drei-Zimmer-Wohnung, die genauso viel kostet wie meine Ein-Zimmer-Wohnung in München. Das ist unglaublich“, sagt sie.

Marion Überschaer (hier mit ihrer fantastischen Tasche aus Freiburg)
Marion – mit ihrer fantastischen Tasche aus Freiburg, Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach

„Auf andere Weise schön“

Marions beruflicher Einstieg klappte ebenfalls gut: Achteinhalb Jahre arbeitete sie als stellvertretende Bibliotheksleiterin an der Hochschule Niederrhein. Dann entschloss sie, einen lange gehegten Traum nicht länger zu verschieben: „Längere Zeit dachte ich, ich würde später noch einmal studieren. Aber das ist eigentlich Quark. Man weiß ja nicht, was später ist. Mir ging es gut, ich hatte genug gespart und den Kopf dafür, mir alles zu merken.“ Vor zwei Jahren begann sie deshalb – ebenfalls an der Hochschule Niederrhein – die Studiengänge Kulturpädagogik und Kulturmanagement zu studieren. Für Kultur interessiert sich Marion aber nicht nur passiv: Auf ihren ausgiebigen Radtouren hat sie ihre Kamera immer dabei. Sie stellte bereits Bilder des JHQ aus (das Gelände durfte sie mit Sondergenehmigung fotografieren), hält seit 2010 die Rheydter Leerstände auf Bildern fest und war mit ihrem Masterthema bei der Schauzeit unter dem Titel „work in progress“ vertreten. „Ich finde, bestimmte Themen sollten gesehen werden“, sagt sie und wird auf einmal ganz ernst. Besonders wichtig ist ihr, dass die Gladbacher ihre Heimat nicht verkennen: „Es ist sehr bedauerlich, dass manche Leute ihre eigene Stadt nicht mögen. Mir hat noch keiner, der von außen kam, gesagt: Du bist aber in eine hässliche Stadt gezogen, Marion. Was ich oft gehört habe, ist: Freiburg ist bestimmt viel schöner als Mönchengladbach. In gewisser Weise vielleicht, aber Gladbach ist auf andere Weise schön. Freiburg ist mir mit den Jahren ein bisschen langweilig geworden. Hier hat man viel mehr Abwechslung.“

„Keine Edelboutique“

Wir schlendern über den Marktplatz und bewegen uns Richtung Fußgängerzone. „Hey fein, da hat jemand etwas abgerissen“, freut Marion sich, als wir an einem ihrer Flyer vorbeikommen. Bis zum 30.9. befragt sie die Rheydter nach ihrer Meinung zu leerstehenden Gebäuden. „Welche Gründe sehen Sie für den Leerstand von Rheydter Geschäften?“ fragt sie beispielsweise. Außerdem gibt sie die Möglichkeit, Wünsche zu äußern. Was aber sind die Gründe? „Da gibt es unendlich viele, die sich gegenseitig hochschaukeln. Einfach gesagt, es fängt blöd an und wird dann immer schlimmer.“ Marion öffnet ihre Mappe und lässt mich einen Blick auf die Ergebnisse werfen. 108 Teilnehmer haben zum Zeitpunkt unseres Interviews an der Umfrage teilgenommen. „Geringe Kaufkraft“ und „hohe Mietpreise“ werden genannt. Ein Nutzer schreibt schlicht „langweilig“. Die Rheydterin ist aber überzeugt: „Es ist tatsächlich so, dass wir in Rheydt ein sehr gutes Angebot haben. Eine gute Abdeckung pro Einwohner. Die Bewohner von Rheydt haben aber eher unterdurchschnittlich viel Geld. Eine Edelboutique würde sich hier nicht halten können.“ Wenn man Marion zuhört, wird klar: Die Edelboutique braucht in Rheydt auch niemand. Denn Gladbach ist lebens- und liebenswert. Marion hält die kleinen und großen Besonderheiten der Stadt fest. In Fotos, neuerdings auch auf ihrem Blog und in ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Eine wahre Spitzenrheydterin!

Deshalb meine Empfehlung: Schaut doch mal auf

Marions Blog

und

Marions Homepage vorbei.

Luisa Sole, Fotografin

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Luisa mit einem ihrer Schätzchen, Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach
„Wenn es Leidenschaft ist, fühlt es sich nicht an wie Arbeit“

Mitten im Gründerzeitviertel, in unmittelbarer Nähe des Café Kontor, leben Luisa Sole und André Sole Bergers. Vor gut zwei Jahren habe ich zusammen mit meinem damaligen Herzensmann in der Vorgänger-Wohnung der beiden musiziert. Damals stand MG Kitchen TV auf dem Plan. Heute bin ich hier, um Luisa zu interviewen. Sie begrüßt mich mit einer Umarmung und den Worten „Es ist ein bisschen unordentlich.“ Das fällt überhaupt nicht auf – ihr Auge für Inneneinrichtung und Schönes dafür einmal mehr. Die helle Küche und die Bühne für den Kitchen TV-Kanal liegen sich direkt gegenüber. Dazwischen blitzen liebevolle Details hervor: Ein „Cucina“-Schild ziert den Türrahmen, schwarz-weiße, putzige Zuckerdöschen stehen auf dem Tisch, eine Fotowand zeigt lachende Gesichter. Neben dem Rock’n’Roll heißt es für Luisa oftmals – innehalten. Die Zahnarzthelferin und Küchenmusik-Gastgeberin hat sich inzwischen als Fotografin einen Namen gemacht. Lulugraphie heißt ihr Label, nach ihrem Spitznamen Lulu. Wir nehmen am Küchentisch Platz. Luisa gießt mir Wasser ein und fragt zögerlich, ob sie sich eine Zigarette anzünden dürfe. Sie ist etwas nervös, trägt ihre Haare hochgesteckt und hat sich dramatisch schön geschminkt. „Wenn ich den ganzen Tag am PC sitze, brauche ich das manchmal“, sagt sie und atmet bedächtig den Rauch aus.

Zu Gast in der Cucina
Zu Gast in der Cucina, Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach
„Wer eine Spiegelreflexkamera hat, kann schöne Bilder machen?“

Als erstes interessiert mich, wie die Mönchengladbacherin das alles unter einen Hut bekommt. Sie antwortet entschlossen: „Man sagt, wenn es Leidenschaft ist, fühlt es sich nicht an wie Arbeit.“ Die Halb-Italienerin erklärt weiter: „Andere gucken abends Fernsehen, ich sitze am PC und mache Bilder fertig.“ Acht Hochzeiten hat Luisa von März bis September als Fotografin begleitet, außerdem hielt und hält sie Junggesellinnen und Familien auf ihren charakteristischen Bildern fest. Neben dem Vollzeit-Job als Zahnarzthelferin, wohlgemerkt. MG Kitchen TV drehen die Sole Bergers außerdem einmal im Monat. Den Anstoß für ihre größte Leidenschaft gab ihre eigene Hochzeit vor vier Jahren. Damals engagierte sie eine Freundin für die Fotos: „Ich dachte damals: Wer eine Spiegelreflexkamera hat, kann schöne Bilder machen. Wir haben auch ein paar schöne Fotos. Aber eine runde Geschichte, die haben wir nicht.“

Foto: Lulugraphie/Luisa Sole
Foto: Lulugraphie/Luisa Sole
Eine Braut ist immer schön. Selbst im Kartoffelsack“

Auf der Hochzeit eines befreundeten Paares kam deshalb erstmals ihre neue Nikon-Kamera zum Einsatz. Die Resonanz im Anschluss war groß, die Freunde füllten gleich ein ganzes Bilderbuch mit Luisas Momentaufnahmen. Die ersten Kniffe zeigte ihr eine Freundin. Aber den Großteil dessen, was Luisa heute an der Kamera kann, brachte sie sich selbst bei. Undenkbar, bemerke ich, dass sie und ich vor gut zwei Jahren gemeinsam an einem Foto-Anfängerkurs teilgenommen haben. Die 31-Jährige winkt ab und lächelt: „Ich habe mich immer etwas bescheidener eingeschätzt. Der Fotokurs war aber nicht schlimm. Sondern einfach die Bestätigung, dass ich die Sachen bis dahin richtig gemacht habe.“ Auch heute gibt es bei der Sole’schen Fotografie keine halben Sachen. Bei Hochzeiten trägt sie zwei Kameras am Körper, zwei hat sie im Auto. Außerdem bringt sie stets Reserve-Speicherkarten mit. Wer nun meint, Luisa sei vor lauter Fotografie inzwischen gegen den Hochzeitszauber immun, irrt: „Oft muss ich weinen und verstecke mich hinter der Kamera.“ Diese Empathie zeigt sich auch in Luisas Bildern. Angetan hat es ihr vor allem eine der beiden Hauptpersonen des großen Tages. Die 31-Jährige ist sich sicher: „Eine Braut ist immer schön. Selbst im Kartoffelsack.“ Wer Luisas Fotos kennt, weiß, auch ein Kartoffelsack täte ihrer fein beobachteten Momentaufnahme keinen Abbruch. Sanft und verträumt wirken die Abbildungen unterschiedlichster, immer gut aussehender Menschen. Ihre Linie beschreibt Luisa folgendermaßen: „Fotos bearbeite ich immer so, dass sie älter wirken. Weil ich das so schön finde. Das hat etwas mit Vergangenheit zu tun. Ein Bild muss gar nicht so realistisch aussehen.“

Luisas Eltern. Foto: Lulugraphie/Luisa Sole
Der beste Pizzabäcker der Stadt und seine Karrierefrau: Luisas Eltern. Foto: Luisa Sole/Lulugraphie
„Mit mir im Reinen“

Apropos Vergangenheit: Seit sie ein Baby ist, wohnt Luisa in Mönchengladbach. „Ich hatte immer das Bedürfnis, hier zu sein“, sagt sie. Ihre Lieblingsorte in der Vitusstadt nennt sie prompt: „Zu Hause, bei Oma, bei Mama, auf der Terrasse und im Zorbas. Das Zorbas ist wie ein zweites Zuhause.“ Neben den Freunden im Gründerzeitviertel spielt auch die Familie eine große Rolle im Leben der Tausendsassa-Frau. Ihr Vater war früher, wie sie erzählt „der beste Pizzabäcker der Stadt“, ist Perfektionist und Ästhet („Das habe ich vererbt bekommen“). Ihre Mutter sei auf ihre Art eine Karrierefrau. „Eine gute Mutter“, fügt sie hinzu. Obwohl oder gerade weil die sechsköpfige Familie Sole nie viel Geld zur Verfügung hatte, war die Stimmung stets positiv: „Wir waren dadurch sehr kreativ. Manchmal macht es auch Spaß, nicht so viel zu haben. Dann kommt man auf lustige Ideen.“ Unterstützung, Kreativität und Liebe standen an erster Stelle. Positiv ist Luisa bis heute, ihre Talente machen nicht nur ihr selbst, sondern auch allen anderen Spaß. Beim Zuhören geht einem das Herz auf. Kein Wunder, dass Luisas herzliche Art ihr Türen spielerisch öffnet. Außerdem unterstützt sie Ehemann André. Nach Zukunftswünschen gefragt, antwortet Luisa bescheiden: „Eigentlich finde ich mein Leben momentan perfekt. Ich war noch nie so mit allem im Reinen wie jetzt. Ob es Freunde sind, oder beruflich oder mit mir selbst. Ich hab die Balance.“ Schöner kann ein Gespräch nicht laufen. In diesem Sinne: Auf die Leidenschaft(en)!

Wer mehr von Luisas herrlichen Bildern sehen möchte, klickt hier.

September-Vorschau: Leerstände und volle Kanne Musik

Leerstand-Flyer in der Bahnhofstraße
Leerstand-Flyer in der Bahnhofstraße, Foto: Nadine Beneke / menscheningladbach

Marion Überschaer

Vor einer guten Woche habe ich mein erstes Interview mit der supernetten Wahl-Mönchengladbacherin Marion Überschaer geführt. Schon im Vorfeld war ich so aufgeregt, dass ich beim Verfassen der Betreffzeile die Autokorrektur meines Handys vollkommen unterschätzte – Marion erhielt eine Mail mit dem Betreff „Unterwiesen-Anfrage für Blog menscheningladbach“ von mir.

Sie bewies Humor, sagte dennoch zu und erzählte mir von ihrer spannenden Masterarbeit zum Thema „Leerstände in Rheydt“. Getroffen haben wir uns – selbstredend – in Rheydt. Soviel vorab: Marion wird der zweite „Mensch in Gladbach“ sein, den ich euch vorstelle. Hier könnt ihr allerdings schon einmal fleißig bei ihrer Umfrage mitmachen:

https://www.soscisurvey.de/meinrheydt

Nur keine Skepsis: Marion studiert an der Hochschule Niederrhein Kulturpädagogik sowie -management und ist absolut vertrauenswürdig. Außerdem hat jeder, der teilnimmt, die Möglichkeit, anonym zu bleiben. Versprochen!

Luisa hinter ihrer Kamera, Foto: Luisa Sole / Lulugraphie
Luisa hinter ihrer Kamera, Foto: Luisa Sole / Lulugraphie

Luisa Sole

Die zweite Person, die ich Anfang September interviewen werde, ist gleichzeitig die erste, die von meinem Gladbach-Portrait-Blog erfahren hat. Luise Sole, bestens bekannt als Fotografin und Mitbegründerin/Mitglied von MG Kitchen TV, wird deshalb die erste menscheningladbach-Portraitierte sein. Das ist besonders schön, weil sie mich sowohl auf meinem Weg als Musikerin (ja, Musik mach ich heimlich ebenfalls) als auch als Schreiberin immer begleitet hat und wir uns – obwohl uns unsere Wege privat nicht so oft kreuzen – nie aus den Augen verloren haben. Einerseits, weil ich Luisas Arbeit toll finde und von ihren Bildern und von den stetigen Fortschritten, die MG Kitchen TV macht, immer wieder begeistert bin (Herzblut rules!). Andererseits, weil ich finde, dass sie eine sehr liebe, aber auch total coole Frau ist!

In diesem Sinne freue ich mich schon jetzt riesig, euch diese zwei Gladbacher Menschen und ihre spannenden Projekte im September vorstellen zu dürfen!

Herzlich,

Eure Nadine