Udo Eilers, Zum Sandrad

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Udo, Foto: Luisa Sole / Lulugraphie

„Alles schon passiert“

Schon durchs Fensterchen der Holztür sehen wir Udo an seiner Theke sitzen. Er trägt ein Holzfällerhemd und bereitet sich fast meditativ mit lauter Musik auf den Abend vor. Wir klingeln. Nichts geschieht. Wir klingen ein zweites Mal. Es surrt. Wir treten ein. Udo spritzt auf und verschwindet hinter der Theke. Mit unverkennbarer, dunkler Stimme fragt er: „Was kann ich euch zu trinken machen?“ Sofort kommt ein heimeliges Gefühl auf. Mit grazilen Bewegungen nimmt er Gläser zur Hand, befüllt sie mit Cola und Apfelschorle und stellt sie uns hin. „Ich habe schon zwei Mal angerufen“, sage ich, „wegen des Interviews.“ Er erinnert sich und sagt: „Du schreibst über Menschen in Gladbach? Da ist doch schon alles geschrieben.“ Vor 37 Jahren habe bereits jemand einen „sehr unterhaltsamen“ Artikel über ihn verfasst. Er scheint sich zu erinnern und schmunzelt kurz. Dann fügt er hinzu: „Es ist eigentlich alles schon passiert.“ Ich hoffe inständig, dass das nicht das Ende des Interviews ist – und bleibe sitzen.

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Raucher aus Leidenschaft, Foto: Luisa Sole / Lulugraphie

„Da krieg‘ ich die Krise“

Nach einer Weile nimmt Udo wieder auf dem Hocker neben mir Platz. Um kurz vor zehn sind meine Begleiterin und ich noch die einzigen Gäste. „Jetzt könnt‘ et langsam losgehen“, meint Udo – und fängt an zu erzählen: „Man sagte mir, ich sei der Wirt, der am längsten in der Altstadt ist.“ Im April werden es 37 Jahre. „Günther Netzer hat bei mir verkehrt. Grimmepreisträger, Ingo Appelt und Stefan Effenberg“, erzählt er. Zuvor leitete Udo fünfeinhalb Jahre eine „American Cocktail Bar“, das Karoo am Buscherplatz. Eine Klingel gab es hier in der Sandradstraße von Anfang an. „Mit Respekt ist das wunderschön“, sagt Udo – und formuliert es kurz darauf noch einmal drastischer: „Wenn jeder Arsch reinkommt, das geht gar nicht.“ Er verschwindet wieder hinter der Theke, durchsucht seine Musikschätze und legt behutsam eine Kassette ein. Tracy Chapman singt „Talkin‘ ‚bout a revolution“ und Udo deutet auf den Kassettenstapel im Regal: „Alles selbst zusammengestellt. Nix gekauft.“ Nach der Anzahl gefragt, antwortet der 69-Jährige: „Bei 750 habe ich aufgehört zu zählen.“ Aus über 1400 LPs von 1958 aufwärts bastelt der Gladbacher seine Mixtapes. Inzwischen auch Mix-CDs. Er sagt: „Ich liebe Musik. Musik ist grenzüberschreitend.“ Rock, Jazz, Hardrock und Blues haben es ihm angetan. „Was ich nicht mag, ist Rap. Da krieg‘ ich die Krise.“ Auch Free Jazz sei im Sandrad schwierig, meint er: „Das kannste nur zu Hause hören, da fällt einem ja das Bier aus der Hand.“

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Mit Ruhe und Bedacht: Udo, Foto: Luisa Sole / Lulugraphie

„Tolle Atmosphäre“

Zur Gastronomie kam Udo durch Zufall. Zunächst arbeitete er als Musterzeichner für Stoffe. „Das ist aber alles den Bach runtergegangen.“ Danach bewarb er sich mit einer Mappe bei Schwann in Düsseldorf – und bekam als Farbretouscheur und Layouter fortan das doppelte Gehalt. Später machte er sich selbstständig und arbeitete im eigenen Studio unter anderem für Gruner und Jahr: „Schöner Wohnen und der Stern, das waren unsere zwei Knaller“, erinnert sich Udo. Anfang der Siebziger ging er gerne aus, kellnerte zwischendurch in der Mieze in Düsseldorf. Sein Lieblingslokal aber war das Karoo in  Hermges. Als die Bar verkauft werden sollte, sagte Udo kurzerhand: „Dann übernehm ich das.“ Er legte los – und war verzaubert. „Diese Atmosphäre war toll! Verschiedene Leute, Intellektuelle, viele Kulturen.“ 1979 zog er an den wohlbekannten Standort um, „weil das zentraler war“. Es klingelt, und drei junge Männer treten ein. Udo zapft das gewünschte Bier mit Seelenruhe und vorbildlicher Schaumkrone. Zwischendurch verschwindet er hinter einer Schiebetür mit RY- und „Farbe bekennen, Rassismus ächten“-Aufklebern – dem Vorratsrraum. Geboren ist Udo in der Neustraße, und damit ein „Rheydter Jung“, wie er erzählt. Fragt man ihn, ob er Kinder hat, sagt er: „Ihr seid alle meine Kinder!“ Klar ist, die Atmosphäre, die er selbst beim Ausgehen bewundert hat, vermittelt er im Sandrad allemal. Mit seiner Art, der urigen Einrichtung, Kerzenschein und leckerem „Schmunzelsüppchen“ (Alt). Und ja, natürlich auch mit seiner Frisur.

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Sandrad und Udo sind einzigartig, Foto: Luisa Sole / Lulugraphie

„Nicht getönt, nicht gefärbt“

Auf diese angesprochen, sagt er trocken: „Ich bin so geboren worden. Naja, fast.“ Udos Augen leuchten beim Erzählen und er fügt hinzu: „Nicht getönt, nicht gefärbt. Das habe ich von meiner Mama geerbt.“ Zehn Minuten braucht er im Bad. Die Frisur richtet er mit der Rundbürste. Er gestikuliert ein bisschen wie ein Dirigent und erzählt: „Gleich kommt noch meine Freundin. Das kannste hier nicht alleine machen am Wochenende.“ Sonntags und montags bleibt das Sandrad geschlossen: „Man braucht ja auch ein bisschen Privatsphäre.“ Inzwischen sind ein paar Leute mehr eingetrudelt. Ein Mann, der auf seinem Smartphone herumtippt, und eine Frau. Diese begrüßt Udo mit einem schmissigen „Sei gegrüßt! Jacky?“ Die Frau nimmt heute ein Weizen, welches der Wirt sofort mit sensationeller Krone serviert. Udo schmeißt seinen eigenen Turbo an und huscht von Gast zu Gast, für jeden ein freundliches bis ermahnendes Wort auf den Lippen. Zu laute Gäste beispielsweise werden schon mal mit beschwichtigender Geste und den Worten „Macht mal Piano“ bedacht. Heute ist Udo aber sehr beschwingt und schnipst und wippt zu erklingenden Reggae-Rhythmen. „Gladbach ist ein Dorf geworden“, ruft er mir zu. „Früher wäre um diese Uhrzeit draußen eine bunte Menschenmasse gewesen.“ Deshalb lässt er seinen Laden auch an allen Tagen so lange offen, wie die Leute kommen. Verschmitzt sagt er: „Damit die Studenten noch was zu erzählen haben.“ Auch wenn Freunde ihm inzwischen ein Notfallhandy besorgt haben, „falls mal was sein sollte“ und zwischendurch der Notdienst anruft, um zu hören, ob im Sandrad alles in Ordnung ist – Udo denkt noch lange nicht ans aufhören. Oder wie er sagt: „Meinen Sarg hab ich noch nicht bestellt.“ Mehr noch: Als er gefragt wird, ob er die 40 Jahre noch voll machen will, antwortet er trocken: „Drei Jahre sind doch nix!“ So ein Glück.

Zum Sandrad, Sandradstraße 9, Mönchengladbach

Dienstag bis Samstag: 21 Uhr – Ende offen

Alle wundervollen Fotos dieser Geschichte hat Luisa Sole, die auch auf meinem Blog zu finden ist, beigesteuert. Tausend Dank! ❤

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Auf Udo! Foto: Luisa Sole / Lulugraphie
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Veröffentlicht in Stadt

5 Gedanken zu “Udo Eilers, Zum Sandrad

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