Claudio Ghin, Autor

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Claudio Ghin, Eisliebhaber; Foto: privat

 

„Hallo, Tschüss!“

An einem der letzten Sommertage treffe ich Claudio Ghin. Ein wenig skeptisch lächelnd winkt mir der schlanke Mann mit dem grauen Hoodie zu, während ich auf das Van Dooren zusteuere. Seine Facebook-Postings, die oft mit „Hallo, Tschüss“ anfangen und seine feinen, stimmungsgebenden (und -hebenden!) Worte für die Pressetexte von Greta und Claus haben mich neugierig gemacht. Wir setzen uns direkt vor die Kaffeemaschine und Claudio sagt: „Ich hab dir was mitgebracht.“ Er überreicht mir „Auf einem Auge Herbst“, sein Erstlingswerk, das in diesem Jahr erschienen ist. Eigentlich schon beeindruckend genug, in Kurzgeschichten mit den richtigen Worten um sich werfen zu können. Der 33-Jährige arbeitet außerdem als Werbetexter bei Team WFP. 2013 zog er wegen des Jobs in die Stadt. Dass er aus Paderborn nach Mönchengladbach gekommen ist, hört sich aufgrund seiner Familiengeschichte fast schon schicksalhaft an. Claudios Vater kam als italienischer Gastarbeiter nach Rheydt, um dort in einer Kabelfabrik zu arbeiten. Außerdem trug er das Fohlenecho aus. Dabei lernte er Claudios Mutter kennen, wie der Autor erzählt: „Der Legende nach war mein Vater verlobt und alle haben ihm gratuliert, nur meine Mutter nicht. Sie ist zu ihm hingegangen und hat gesagt, was ihm einfallen würde, sich zu verloben. Dann hat er sich entlobt und sie sind zusammengekommen.“

„Bestimmt aus Chemnitz“

Genauso hartnäckig wie seine Mutter an seinem Vater hielt Claudio am Texten fest. Mit elf Jahren verfasst er die ersten Märchen, in seiner „Sturm und Drang-Phase“ Gedichte. Als er mit 23 Jahren ein Buch seines Lieblingsautors Selim Özdogan geschenkt bekommt, beginnt er, sich seinem Vorbild entsprechend in Kurzgeschichten auszudrücken. Doch zunächst zu den Anfängen: Während seiner Jugend lebt Claudio mit seinen Eltern und seinen Geschwistern im Sauerland. Dort stößt sein kreatives Talent nicht ausschließlich auf Zuspruch: „Als die Nachbarn mich das erste Mal vor der Pizzeria meines Vaters haben kehren sehen, haben sie zu ihm gesagt: ‚Den schickste aber besser auf die Uni. Nicht mal kehren kann der.’“ Wir lachen und es ist spürbar, dass es nicht immer so witzig war, wie der Autor es jetzt erzählt. Aber Claudios Augen blitzen und man glaubt ihm sofort, wenn er sagt: „Der Anspruch ist immer der gewesen, die Leute zu unterhalten. Das hatte ich schon als kleiner Junge. Ich fand es gut, wenn alle gelacht haben.“ Und gelacht wird reichlich. Der 33-Jährige nimmt sich im einen Moment auf die Schippe („Man könnte auch denken, der heißt Claudio, der ist bestimmt aus Chemnitz“) und erzählt im nächsten Moment von den komplexesten Schreibvorgängen.

„Durch den Dreck an die Luft“

Vom sauerländischen Dorf geht es für ihn nach Paderborn. Zehn Jahre lebt und studiert er dort, lernt die Szene und seinen heutigen Verleger kennen. In einer kleinen Werbeagentur, „einem Büdchen“, bekommt Claudio während seines Studiums der Germanistik und der Kulturwissenschaftlichen Anthropologie ein Praktikum. Die Kollegen animieren ihn schließlich, auch Texte für Poetry Slams zu schreiben. Acht Jahre tritt Ghin als Slammer auf, allerdings schwanken die Abende von großartig zu so la la: „Du wusstest nie, was passiert. Und wenn du drei Stunden unterwegs bist und es dann verkackst, dann denkst du dir, das lohnt sich doch nicht. In dieser sehr kurzen Zeit muss es ja auch immer performativ sein. Wobei ich eigentlich sehr gerne lese. Und ich mag lieber Sachen, die nicht so performativ sind. Wolfgang Herrndorf. Wo du dich in den Text reinkuschelst und gut fühlst.“ Das Texten selbst muss Claudio sich erarbeiten. Als er 2005 den ersten Slam-Text in der Agentur vorträgt, ist die Reaktion unangenehm: „Ich lese den Text vor. Und allen fällt alles aus dem Gesicht und sie wissen nicht, wie sie mir sagen sollen – das ist die letzte Scheiße.“ Nach und nach analysiert Claudio, was funktioniert – und was nicht funktioniert. Aufgeben ist für ihn zu keinem Zeitpunkt eine Option: „Irgendwas in mir war davon überzeugt, dass das alles noch irgendwie wird. Und ich hatte auch keinen besseren Plan“, sagt er grinsend. Auch als er sich auf jetzt.de anmeldet und seine „Befindlichkeiten“ teilt, muss er zunächst „digitale Dresche“ einstecken. Gelohnt hat es sich allemal. Von jetzt.de wechselt er zu neon.de, „weil mir das zu elitär-süddeutsch war“, und macht sich als Mister Gambit einen Namen. Er sagt: „Natürlich gibt es Naturtalente und diejenigen, die ganz stumpf kopieren, was andere machen. Die übersteigen dieses Niveau dann auch nie. Aber bei mir war es durch den Dreck an die Luft. Da musste man halt erst in die Knie gehen und sich die ganze Scheiße drauf schaffen. Das war beim Werbetexten so wie beim Prosa-Schreiben.“

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Posieren am Schillerplatz

„Ein ganz normales Alltagsproblem“

Seine Kurzgeschichten der letzten sechs Jahre sind nun in Buchform erschienen und haben einen thematischen Anker: „Wenn es darum geht, ob Menschen zusammen sind und glücklich, das packt mich immer. Ich habe mich im Kindergarten das erste Mal für ein Mädchen interessiert. Und das Thema ist mir auch nie langweilig geworden. Das war irgendwie wie ein Motor.“ Was im Krimi das Verbrechen, ist bei Ghins Kurzgeschichten das Zwischenmenschliche. Mal abstrus, mal klassisch. Busfahrten können genauso der Aufhänger einer Geschichte sein wie die Meerjungfrauen-Vergangenheit einer Angebeteten: „Da ist dann mein Anspruch, es so zu erzählen, dass es nicht süß ist, sondern ein ganz normales Alltagsproblem. Ich glaube, das funktioniert nämlich nicht, wenn man noch zwei Tüten Zucker drüber kippt.“ Genauso strategisch wie in seinen prosaischen Texten geht der Autor in seinem Job vor. Während seine Eltern davon überzeugt waren, Claudio würde in der Werbebranche sein Talent verschwenden und ihm vehement zur Lehrer-Karriere rieten („Meine Mutter hat immer gesagt, da hast du jeden Tag zwanzig Mark unterm Kissen, wenn du aufwachst“), sieht der Werbetexter das inzwischen anders: „Ich glaube, dass es gar nicht so leicht ist, Werbetexter zu ein und dass man auch ziemlich klug dafür sein muss.“

„Slogans aus der H&M-Kabine“

Bewegung und Hirnauslüftung sind für Claudio probate Mittel zur Ideenfindung: „Ich denke viel nach. Das macht es mir manchmal schwer, meinen Kollegen von der Pixelfront klarzumachen, dass ich auch gerade arbeite. Weil ich immer durch die Gegend laufe. Ich muss mich bewegen zum Denken. Nur denke ich von morgens bis abends. Für mich ist das ein echter Vollzeitjob. Ich lebe das. Man kann generell nicht sagen, jetzt ist Feierabend. Ich habe auch schon mal irgendwelche Slogans aus der H&M-Kabine an meinen Chef geschickt, wenn mir noch was eingefallen ist.“ Abschalten kann Claudio beim Duschen oder Busfahren. Außerdem dreht er jeden Abend eine Runde durch den Bunten Garten. Auf Facebook praktiziert er „Sprachgeballer“ und veröffentlicht kleine Comics. Ansonsten arbeitet er langsam an neuen Kurzgeschichten. In den letzten anderthalb Jahren ist allerdings nichts Neues entstanden, was Claudio als „ziemliche Bremse“ empfindet. Auf die Gründe angesprochen, nennt er „die Angst, sich zu wiederholen.“ Und fügt hinzu: „Wobei es ja eigentlich Schwachsinn ist. Dann wiederholt man sich halt. Nick Hornby wiederholt sich seit acht Büchern. Und trotzdem lese ich sie alle gerne.“ Selbstkritisch sagt der Mann mit dem tätowierten Fuchs auf dem Unterarm: „Das Problem ist, dass ich zwischendurch zu streng mit mir selber bin. Mir fehlt vielleicht ein bisschen die Lockerheit, was das Schreiben angeht.“ Liest man den Claus-Text, ist man frohen Mutes, dass die Lockerheit sehr bald auch wieder in die Kurzgeschichtengebilde des Autors einziehen. In diesem Sinne, auf bald, Wortfuchs Claudio Ghin. Hallo, Tschüss!

Das sehr empfehlenswerte „Auf einem Auge Herbst“ ist im Lektora-Verlag erschienen. 

Am 25.11. liest Claudio im Viersener käffchen am Steinkreis aus seinem Buch. 

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